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Petra Bach

Antwort auf Wal Buchenberg

Die Kategorie "Produktiv" ist keine moralische Kategorie

Wal Buchenberg meint: "Der Begriff ‚unproduktiver Arbeiter‘ hat bei A. Smith den Beiklang von ‚Schmarotzer‘, was Marx für große Teile der "Unproduktiven" übernimmt (Beamte, Regierungsleute, Pfaffen etc.)." Er erweckt damit den Eindruck, auch Marx benutze die ökonomisch-analytische Kategorie "Produktiv" in einem moralisch-bewertenden Sinn.

Ich glaube das nicht und betone statt dessen: "Marx bestimmt produktive Arbeit allein vom Standpunkt des Kapitals, also von dessen Verwertungsinteresse aus. Diese ökonomische Kategorie hat nichts damit zu tun, ob eine Arbeit gesellschaftlich sinnvoll oder notwendig ist. ‚Bloß die bürgerliche Borniertheit, die die kapitalistischen Formen der Produktion für die absoluten Formen derselben hält (...) kann die Frage, was produktive Arbeit vom Standpunkt des Kapitals aus ist, mit der Frage, welche Arbeit überhaupt produktiv ist oder was produktive Arbeit überhaupt ist, verwechseln (...).‘ [MEW 26.1, S. 375]"

Daneben gibt es sicherlich politische Schriften, in denen Marx der Kategorie einen moralischen Beiklang gibt. Das mag man in einem politischen Zusammenhang tun, sollte aber in der ökonomischen Analyse keine Rolle spielen.

Die Kategorie "Produktiv" trägt zur Erklärung bestimmter ökonomischer Phänomene bei

"Du bezeichnest (im Einklang mit der marxistischen Tradition!) Zirkulationsarbeiter als unproduktiv. Das ist meiner Meinung nach gegen die Theorien von Marx." schreibt Buchenberg.

Es ist nicht richtig, dass ich Zirkulationsarbeit grundsätzlich als unproduktive Arbeit bezeichne. Vielmehr zitiere ich zustimmend: "‘Dem industriellen Kapital erscheinen und sind die Zirkulationskosten Unkosten. Dem Kaufmann erscheinen sie als Quelle seines Profits, der die allgemeine Profitrate voraussetzt - im Verhältnis zur Größe derselben steht. Die in diesen Zirkulationskosten zu machende Auslage ist daher für das merkantile Kapital eine produktive Anlage. Also ist auch die kommerzielle Arbeit, die es kauft, für es unmittelbar produktiv.‘ [MEW 25, S. 312]"

Worum es mir geht, ist zu erklären, warum das industrielle Kapital sich zu seinen kommerziellen Arbeitern anders verhält als zu seinen produktiven Arbeitern: "Im Gegenteil, der industrielle Kapitalist muß bestrebt sein, die relative Zahl der beschäftigten kommerziellen Arbeiter im Verhältnis zu den tatsächlich erzeugten Waren so weit wie möglich zu reduzieren. Wesentlich ist, daß sie Unkosten darstellen, keine Quellen des Profits: ‚Der industrielle Kapitalist verhält sich also nicht in derselben Weise zu seinen kommerziellen, wie zu seinen produktiven Lohnarbeitern. Je mehr von diesen letzteren bei sonst gleichen Umständen angewandt werden, um so massenhafter die Produktion, um so größer der Mehrwert oder Profit. Umgekehrt dagegen. Je größer die Stufenleiter der Produktion (...) um so mehr wachsen absolut, wenn auch nicht relativ, die Bürokosten, und geben zu einer Art Teilung der Arbeit Anlaß." [MEW 24, S. 310]

An dieser Stelle wird Klassenanalyse, von der ich Hinweise zur Erklärung der konkreten gesellschaftlichen Realität erwarte, spannend. Hiermit wird erklärt, warum seit Jahrzehnten eine Rationalisierungswelle gerade über die Büros hinweg rollt.

Das Ergebnis ist beeindruckend. Während noch vor einem Jahrzehnt ein Verhältnis von vielleicht einem kommerziellen Arbeiter zu 25 produktiven Arbeitern für Industriebetriebe gang und gäbe war, sind heute Werte von 1 : 100 möglich.

Mein Ausgangspunkt war die plakative Feststellung der Bürgerlichen, "der Dienstleistungssektor" wachse an. Ich möchte gerne zeigen, dass der Begriff "Dienstleistungen" die wirklichen Veränderungen des Arbeitskörpers verschleiert und gar nichts erklärt. Mein Text ist ein Versuch, u. a. durch die Unterscheidung zwischen "Dienstleistungen im öffentlichen Dienst", "Industrie- und kapitalnahe Dienstleistungen" und "Konsumnahe Dienstleistungen" den Schleier über diesen sozialökonomisch völlig unterschiedlichen Erscheinungen ein wenig anzuheben.

Für mich ist es vor allem von Interesse, dass sich hinter dem Wachstum "des Dienstleistungssektors" völlig unterschiedliche Entwicklungen des Arbeitskörpers verbergen. Dann sieht man plötzlich, dass die Zahl der Zirkulationsarbeiter rapide gesunken ist und noch weiter sinkt. Anders gesagt. Hinter der vermeintlichen Ausdehnung "des Dienstleistungssektors" verbirgt sich eine gewaltige Verringerung der Zahl vor allem industrienaher Angestellter und eine ebenso gewaltige Proletarisierung ihrer Lage.

Welche Art "Dienstleistungen" haben sich dann aber vermehrt? Dazu habe ich eine Reihe von Vermutungen. Wirkliche Antworten werde ich aber weder im Kapital noch in den Theorien über den Mehrwert finden, sondern ausschliesslich in der Sozialstatistik. Hier würde ich gerne weiter kommen.

Nehmen wir einmal an, angeregt durch die Pflegeversicherung hätte sich vor allem die Beschäftigung im Gesundheitswesen vermehrt. Welche Stellung nehmen die hier Beschäftigten gegenüber einer revolutionären Umwälzung in der Bundesrepublik ein? Eine aktive, eine neutrale oder eine ablehnende? Gibt es überhaupt eine einheitliche Tendenz? Welche Parteipräferenzen haben diese Teile der Lohnabhängigen. Will ich hier Antworten finden, hilft mir auch die Sozialstatistik nicht mehr weiter. Ich kann aber das Wahlverhalten dieser Schichten beobachten. Die Kategorie "Produktiv" führt dagegen überhaupt nicht mehr weiter.

Die Kategorie "Produktiv" erklärt nicht, wer heute zur Arbeiterklasse gehört

Meines Erachtens ist deine zentrale Aussage: "K. Marx unterscheidet in der Nachfolge von A. Smith produktive und unproduktive Arbeiter, wobei der Begriff ‚produktiver Arbeiter‘ sich vollständig deckt mit dem Begriff ‚Proletariat‘ bzw. ‚Lohnarbeiterklasse‘." (Hervorhebung von mir, P. B.)

Ich halte es für einen Irrweg und eine ökonomistische Verkürzung des Marxismus, die Frage, wer heute zur Arbeiterklasse gehört, daraus abzuleiten, ob die betreffende Arbeit im Marxschen Sinne "produktiv" ist.

Ich vermute, wir sind uns einig, dass Ingenieure im Marxschen Sinne "produktive Arbeiter" sind. Willst du aus ihnen denn partout "Proletarier" machen?

Da ich das nicht möchte, teile ich die Kritik des IMSF an klassenanalytischen Ansätzen, die sich auf die Betrachtung des Verwertungsprozesses reduzieren: "Der Begriff der 'produktiven Arbeit' erschließt die Gliederung der Arbeitsbereiche der Erwerbspersonen; aber er kann weder Grundlage der Abgrenzung der Arbeiterklasse sein noch ist mit ihm die innere soziale Gliederung der Lohn- und Gehaltsempfänger erfaßt." [André Leisewitz, Klassen in der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt am Main 1977, S. 56]

Sicherlich lässt sich ein gewisse "Proletarisierung" auch von Ingenieuren nachweisen. Das Arbeitskräfteangebot wächst und eine zunehmende Standardisierung von Ingenieurarbeit führt zur Dequalifikation, die auf den Lohn drückt, etc. An der Stellung von Ingenieuren im Verwertungsprozess des Kapitals hat sich damit aber ganz und gar nichts verändert. Verändert hat sich der Warencharakter ihrer Arbeitskraft und ihre wirkliche Unterordnung unter das Kommando des Kapitals.

Welche Stellung nehmen Ingenieure gegenüber einer revolutionären Umwälzung in der Bundesrepublik ein? Ich könnte mir vorstellen, dass ihre tendenzielle Proletarisierung eine neutralere Haltung verstärkt. Zur Avantgarde der Arbeiterklasse werden sie wahrscheinlich nicht mutieren. Wenn du dich mit der Kategorie "produktiv" zufrieden gibst, müsstest du das anders sehen.

Während dessen ist den Kommunisten die wirkliche "Avantgarde der Arbeiterklasse", der klassische Fabrikarbeiter im industriellen Großbetrieb, mittlerweile abhanden gekommen. Was aber tritt an seine Stelle? Daran, dass es überhaupt noch Klassen gibt, habe ich nicht den geringsten Zweifel. Aber wie verhalten sich die heutigen Klassen und Schichten zu und in einer revolutionären Umwälzung? Gibt es überhaupt noch eine Klasse, die in der Lage ist, sich an die Spitze einer revolutionären Umwälzung zu setzen?

Es ist sinnvoll und notwendig, sich bei den Klassikern über die Methoden zu informieren, mit denen eine Gesellschaft auf ihre Klassengliederung hin untersucht werden kann. Hierin sehe ich den Wert deiner Arbeit. Das Wichtigste aber ist, diese Methoden auf die gegebene, politisch lebendige, gesellschaftliche Realität anzuwenden. Hierzu ist auch die Sozialstatistik nur der erste Schritt.