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Am 11. Juni 2010 fand in Berlin die öffentliche Vorstellung des Buchs von Heiner Karuscheit Bye, bye USA - Aufstieg und Fall von Finanzkapital und Militärmacht statt (Kai Homilius Verlag Berlin, http://www.kai-homilius-verlag.de, 104 Seiten, 7,50 Euro). Aus diesem Anlass hielt der Autor einen Vortrag zur Entwicklung der USA, der hier in überarbeiteter Form wieder gegeben wird:

Heiner Karuscheit

Vortrag: Zum Niedergang der USA

"Aus zwei Gründen ist dieses Buch - eigentlich nur ein Büchlein - über die Vereinigten Staaten von Nordamerika geschrieben worden.

Der eine Grund ist, dass sich der Abstieg, in dem die USA sich seit längerem befinden, in den letzten Jahren krisenhaft zugespitzt hat. Die USA sind aber nicht eine Macht unter anderen; sie sind die Zentralmacht der bürgerlichen Weltordnung. Ihr Wirtschaftssystem - und damit meine ich nicht den Kapitalismus im Allgemeinen, sondern die spezifische Form dieses Kapitalismus - durchdringt den gesamten Globus. Gleichzeitig können ihre militärischen Fähigkeiten jeden Winkel der Erde erreichen. Das heißt auf der anderen Seite, dass auch ihr Fall weltweite Erschütterungen auslösen wird.

Der zweite Grund ist, dass es keine Veröffentlichung gibt - zumindest keine mir bekannte -, welche die Gesetzmäßigkeiten entwickelt, die dem Aufstieg der USA ebenso wie ihrem Niedergang zugrunde liegen - und damit meine ich wiederum nicht den Kapitalismus als solchen, sondern die besonderen historischen Gegebenheiten, die den USA im Unterschied zu anderen Mächten eigen sind.

Das heißt, es gibt ein Buch, das dem sehr nahe kommt. Das ist das Werk des britischen Historikers Paul Kennedy: Aufstieg und Fall der großen Mächte. Ökonomischer Wandel und militärischer Konflikt von 1500 bis 2000. Allerdings behandelt das Buch die USA nur als eine Macht unter anderen und ist bereits 1987 erschienen, behandelt also nicht die Ereignisse der letzten beiden Jahrzehnte. Außerdem widmet der Autor den sozialen Veränderungen bzw. Bedingungen für den Auf- und Abstieg der jeweiligen Mächte wenig Aufmerksamkeit.

Damit kommen wir zu unserem Thema. Da dieses in einem Vortrag nicht erschöpfend zu behandeln ist, beschränke ich mich auf die entscheidenden Bedingungen der US-Entwicklung und auf die wichtigsten geschichtlichen Stationen, nämlich 1. die Open-Door-Politik, 2. den New Deal, 3. den zweiten Weltkrieg, 4. den Vietnamkrieg, 5. den Irakkrieg und 6. die gegenwärtige Situation.

Die Voraussetzungen für den Aufstieg der USA

Die erste grundlegende Voraussetzung für den Aufstieg ist schlichtweg die Geographie: die USA verfügen über ein Riesenterritorium mit allen notwendigen Bodenschätzen; hier lebt kein Volk ohne Raum, sondern es ist alles für die agrarische und industrielle Produktion vorhanden. Außerdem haben die USA keine mächtigen Nachbarvölker und werden militärisch nicht bedroht - was in Europa völlig anders aussieht. Schließlich resultiert aus der Lage zwischen zwei Ozeanen, dass die USA mehr oder weniger automatisch zur Seemacht werden. Als Seemacht können sie überall und jederzeit auf dem Globus aktiv werden, sind selber aber unangreifbar. Abgesehen von der Bedrohung durch (atomar bestückte) Langstreckenraketen gilt dies bis heute und erklärt, warum 9/11 in der Gesellschaft eine solche Erschütterung ausgelöst hat.

Die zweite grundlegende Voraussetzung ist eine absolute geschichtliche Besonderheit: die USA entstehen sozusagen auf dem Reißbrett. Sie sind von Beginn an frei von den Überresten des Feudalzeitalters und zwar sowohl ökonomisch als auch politisch:

Das bedeutet, mit dem antikolonialen Befreiungskrieg von 1779 tritt eine bürgerliche Gesellschaft ohne die Schlacken der alten Gesellschaft in die Geschichte ein. Das ist ein gewaltiger Gegensatz zu allen anderen Gesellschaften. So schleppen etwa die europäischen Länder noch bis zum 2. Weltkrieg Überreste aus dem Feudalzeitalter mit sich herum, und erst nach 1945 entwickelt sich hier im umfassenden Sinne eine 'bürgerliche Gesellschaft'.

1. Die Open-Door-Politik

Wie ist jetzt der Aufstieg der USA verlaufen? Wenn man dies versteht, versteht man auch den jetzigen Abstieg.

Nachdem der amerikanische Bürgerkrieg 1865 mit dem Sieg der Nordstaaten zu Ende gegangen ist, setzt eine sprunghafte Entwicklung ein. Schon Ende 19. Jahrhunderts sind die USA zur weltweit stärksten Wirtschaftsmacht geworden, sowohl was die agrarische als auch die industrielle Produktion anbelangt.

In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts durchlebten die USA eine 'lange Welle' wirtschaftlicher Depression. Zwar steigt die Produktion weiter rapide an, aber die produzierten Waren können nicht vollständig abgesetzt werden. Es kommt zu inneren Unruhen, sowohl auf dem Land als auch in den Städten, unter Farmern ebenso wie unter Arbeitern.

Bis dahin war das Land mehr oder weniger nach innen orientiert. Jetzt kommt es außen- und wirtschaftspolitisch ebenso wie militärisch zu einer neuen Orientierung nach außen in der Gestalt der Open-Door-Politik: 'Wir brauchen neue Märkte außerhalb des eigenen Landes, um unsere industriellen und landwirtschaftlichen Überschüsse abzusetzen; nur so kann das Land vor sozialen Unruhen und dem Zerfall gerettet werden', das ist der Tenor dieser neuen Orientierung. Sie wird später erweitert zur Politik der One world - der einen Welt, die den Waren des US-Kapitals offen stehen soll.

Von zeitweisen Ansätzen einer eigenen Kolonialpolitik abgesehen, ist diese Open-Door-Politik im Grundsatz antikolonial: da die Kolonien der europäischen Mächte vor dem Weltmarkt abgeschottet sind, muss die Kolonialherrschaft beseitigt werden, um neue Märkte für amerikanisches Getreide und Industriewaren zu öffnen. In der von dem Marineoffizier Alfred Mahan entworfenen Theorie der Seeherrschaft findet die Open-Door-Politik ihren militärstrategischen Ausdruck: Aufgabe der Kriegsmarine ist es, Handelswege und Märkte für die eigenen Waren zu öffnen und die hierzu erforderlichen Stützpunkte zu erobern und sichern. Vor dem 1. Weltkrieg gehört die US-Marine zu den stärksten Flotten, erst recht, als der Panama-Kanal eröffnet wird, der die Zusammenführung der bis dahin getrennten atlantischen und pazifischen Flotte ermöglicht.

Etwa achtzig Jahre lang bleibt die Open-Door-Politik Grundlage der US-Strategie; sie endet erst mit dem Vietnam-Krieg.

Das zentrale Ziel dieser Politik ist Europa: hier liegen die größten Märkte der Welt (allerdings abgeschottet durch Schutzzölle und andere Handelshemmnisse); außerdem sitzen hier die Weltmächte, die die Welt unter sich aufgeteilt haben und die USA aus ihren Kolonien heraus halten.

Um gegen die europäischen Weltmächte anzutreten, ist man aber noch zu schwach. Deswegen ist die Stoßrichtung zunächst Asien, speziell China mit seinem potenziell riesigen Markt.

Das ändert sich, als der 1. Weltkrieg die Gelegenheit verschafft, in Europa Fuß zu fassen. Daraufhin setzt der damalige Präsident Wilson alles daran, die USA in den Krieg zu führen. Das gelingt schließlich auch - gegen den Widerstand der Bevölkerung, für die Europa weit weg ist. Aber die Festsetzung auf dem alten Kontinent wird ein Fehlschlag. Frankreich und Großbritannien räumen den USA keine Mitspracherechte in Europa ein. Und Deutschland ist zwar besiegt, wird aber im Unterschied zu 1945 kein Vasall, sondern bleibt ein souveräner Staat, der selbständig manövriert. Man ist also aufs erste gescheitert.

Nur 20 Jahre später gibt der nächste Krieg jedoch erneut Gelegenheit, nach Europa vorzustoßen, und diesmal ist man erfolgreicher.

2. Der New Deal

Um dorthin zu gelangen, bedarf es allerdings einer entscheidenden gesellschaftspolitischen Weichenstellung, die sich mit dem Begriff des New Deal verknüpft. Bis heute gilt der New Deal als Wirtschaftspolitik, als sozusagen erster keynesianischer Politikversuch, durch Staatsausgaben die Krise zu bekämpfen. Diese Auffassung ist jedoch nur halb richtig, denn dem Wesen nach ist der New Deal eine Gesellschaftspolitik, genauer gesagt eine innere Hegemonialpolitik, die mit den Mitteln der Ökonomie umgesetzt wird. Das heißt, die staatliche Wirtschaftspolitik ist nur ein Mittel zum Zweck - nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Bis dahin ist die amerikanische Gesellschaft zutiefst gespalten. Ihre Mitglieder verfügen zwar über das allgemeine Wahlrecht, aber große Teile stehen abseits; sie sind nicht in die Gesellschaft integriert, wie man heute sagen würde. Das sind zum einen die kleinen Farmer, vor allem aber die Arbeiter, die sich als Außenseiter fühlen. Dieser Zustand wird noch verschärft durch die 1929 ausbrechende Krise. Es kommt zu Hungermärschen der Farmer und zu sozialer Unruhe in der Arbeiterschaft.

In dieser Situation beginnt Roosevelt mit seiner Politik des New Deal - einer 'Neuverteilung der Karten', wie es wörtlich übersetzt heißt. Für die Farmer werden Maßnahmen zur Stabilisierung der Agrarpreise ergriffen, Umsiedlungs- und Bewässerungsmaßnahmen durchgeführt; durch das Tennessee-Valley-Projekt werden riesige Landflächen bewässert und Tausende von Dörfern elektrifiziert. Die Botschaft ist: wir, der Staat, nehmen uns eurer an; wir treten für die kleinen Leute ein!

Für die Arbeiter werden in großem Umfang öffentliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen aufgelegt; eine Rentenversicherung und Ansätze einer Arbeitslosenversicherung eingeführt. Darüber hinaus legitimiert die Regierung das Streikrecht und spricht den Gewerkschaften die Gleichberechtigung als Tarifparteien zu, sie bekommen das Recht zur Aushandlung von Tarifverträgen. Zum ersten Mal in der US-Geschichte werden die Arbeiter als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft anerkannt - und diese Anerkennung ist für sie wichtiger als die Lohnhöhe.

Die Kapitalisten auf der anderen Seite schäumen wegen dieser Politik. Sie sind nicht bereit, ihren Herr-im-Hause-Standpunkt aufzugeben und die Gewerkschaften als Tarifpartner zu akzeptieren. Vor allem in der Stahl- und Automobilindustrie gibt es große Auseinandersetzungen, Streiks und Aussperrungen, inkl. des Einsatzes von bewaffneten Schlägerbanden. Dabei kommt es zu einem absolutes Novum in der Geschichte der USA: die Regierung stellt sich auf die Seite der Streikenden!

1936 stellt sich Roosevelt zur Wiederwahl. In der eigenen Partei ist er umstritten, die Wirtschaft ist durchgängig gegen ihn und ruft zur Wahl seines republikanischen Gegners auf, ebenso alle großen Zeitungen. In den Meinungsumfragen und Wahlprognosen schneidet er regelmäßig als Verlierer ab. Dann werden die Stimmen ausgezählt, und was ist das Ergebnis? Auf dem Land stimmen die Farmer für ihn, und in den Städten die Arbeiter. Er erhält über 60 % der Stimmen und gewinnt in 48 von 50 Einzelstaaten.

Anschließend beruhigen sich die Gemüter allmählich; der durch den New Deal erzwungene Klassenkompromiss, die Sozialpartnerschaft, wird langsam von den Unternehmen akzeptiert und etabliert sich definitiv, als es zum neuerlichen Weltkrieg kommt.

3. Der zweite Weltkrieg

Warum ist Deutschland wie schon im vorangegangenen Krieg der Hauptgegner in Europa? Die Antwort wird klar, wenn man sich die Kriegsziele der NS-Führung anschaut. Deren oberstes Ziel ist die Eroberung von Lebensraum im Osten und die Errichtung eines auf Rassenherrschaft gegründeten Großgermanischen Reiches. Das ist verbunden mit der physischen Ausrottung großer Teile der sogenannten 'Slaven', dann auch der europäischen Juden.

Der offene Rassismus ist kein ausschlaggebender Kriegsgrund für Washington. Es gibt in den USA selber genug davon, und wird von Roosevelt nicht ernsthaft bekämpft. Aber die Autarkie des angestrebten germanischen Großreichs würde die USA vollständig und auf Dauer von den europäischen Märkten aussperren. Deswegen plant der US-Präsident frühzeitig den Kriegseintritt gegen das Dritte Reich.

Das Problem ist nur dasselbe wie im vorangegangenen Weltkrieg: wie kommt man in den Krieg hinein? Die öffentliche Meinung ist strikt gegen die Kriegsteilnahme, und diese Stimmung ist nur zu kippen, wenn der Gegner die USA angreift.

Zu diesem Zweck unternimmt die Roosevelt-Regierung alles, um das Dritte Reich zu Kriegshandlungen zu provozieren: US-Kriegsschiffe fahren Geleitschutz für die Seetransporte nach Großbritannien und bekommen Befehl, auf deutsche Kriegsschiffe zu schießen, wenn diese sich nähern. US-Truppen besetzen Island (unter Verstoß gegen das Völkerrecht) und erklären die Meereszone um die Insel zu ihrer Sicherheitszone, so dass sich die deutsche und die US-Kriegszone in der Dänemark-Straße schließlich überschneiden. Die USA nehmen faktisch am Krieg gegen das Dritte Reich teil, ohne den Krieg offiziell erklärt zu haben.

Aber die deutschen Seestreitkräfte haben strikte Weisung, allen Konflikten mit US-Schiffen auszuweichen, ja nicht einmal das Feuer zu erwidern, wenn sie angegriffen werden. Der Grund dafür ist einfach: Hitler will einen Krieg mit den USA um jeden Preis vermeiden; er will auf keinen Fall einen neuen Weltkrieg führen, sondern lediglich einen europäischen Krieg, und tut daher alles, um Roosevelt keinen Kriegsgrund zu liefern.

Als das immer klarer wird, muss der US-Präsident umschalten und einen Umweg über Japan nehmen, um den Kriegseintritt herbeizuführen. Um Japan in den Krieg zu zwingen, gibt es ein unfehlbares Mittel: Mitte 1941 verhängt Roosevelt zusammen mit Großbritannien ein Ölembargo gegen das Inselreich, das über keine eigenen Ölquellen verfügt; als Begründung dient der japanische Krieg gegen China. Damit stehen Industrie und Militär in Japan vor dem Ende, denn länger als ein paar Monate reichen die Ölvorräte nicht.

Da eine freiwillige Unterwerfung für die Japaner nicht in Betracht kommt, müssen sie angreifen, und das tun sie am 7. Dezember 1941 in Pearl Harbour. Es ist viel darüber spekuliert worden, ob Roosevelt vorher von dem Angriff wusste oder nicht: Diese Frage ist jedoch nicht das Entscheidende; entscheidend ist, dass er Japan durch seine Politik in den Krieg zwingt und ihm klar ist, dass die Japaner innerhalb eines bestimmten Zeitfensters angreifen werden.

Nach Japan erklärt auch Deutschland den USA den Krieg, und damit hat Roosevelt sein Ziel erreicht. Jetzt bewährt sich auch die mit dem New Deal durchgesetzte Klassenkooperation. Sie sichert eine gewaltige Steigerung der Kriegsproduktion und bildet eine solide gesellschaftliche Basis nicht nur für die Kriegsjahre, sondern auch für die anschließende globale Hegemonialpolitik.

Am Ende des Kriegs haben die USA die unangefochtene Vorherrschaft über die bürgerliche Welt errungen. Nur die Sowjetunion und China bleiben außerhalb ihres Herrschaftsbereichs. Der Wendepunkt ist allerdings nicht weit entfernt. Das ist der

Vietnam-Krieg (von 1965 bis 1973)

Er läutet in mehrfacher Hinsicht den amerikanischen Abstieg ein:

Zum einen löst sich der Gesellschaftsvertrag des New Deal auf. Der Krieg wird auf Basis der allgemeinen Wehrpflicht geführt. Das bedeutet, dass die breiten Massen, deren Söhne an der Front stehen, ihn tragen müssen. Mit der zunehmenden Zahl der Toten und den Bildern von den Kriegsgräueln der US-Truppen löst sich die Zustimmung der Gesellschaft aber mehr und mehr auf, und damit kann der Krieg nicht länger geführt werden.

Das Resultat ist das Ende der Wehrpflicht und der Übergang zu einer Berufsarmee, die als bezahlte Söldnertruppe gesellschaftlich nicht verankert sein muss und die Kriegsführungsfähigkeit der USA wieder herstellt.

Anfang der 80er Jahre verkündet Reagan dann das Ende des New Deal; gemeint ist zwar in erster Linie das Ende des Keynesianismus, aber der Satz geht darüber hinaus. Die sog. 'New Deal Koalition' aus unterschiedlichen Wählergruppen, die der demokratischen Partei über Jahre Hinweg Wahlsiege bescherte, hatte sich aufgelöst; die Wählerbindung zerbröselt und mit ihr die Stabilität des Gemeinwesens, wenn auch zunächst kaum bemerkbar.

Zum zweiten verliert die US-Industrie ihren Produktivitätsvorsprung gegenüber den konkurrierenden Industrieländern. Bis auf einige Bereiche, die im Wesentlichen mit der Rüstungsindustrie zusammenhängen, ist die US-Industrie international immer weniger konkurrenzfähig. Die Folge ist: 1971 ist die Handelsbilanz das erste Mal negativ, und seither steigt das Defizit von Jahr zu Jahr. Seither wächst die Auslandsverschuldung immer mehr an, denn die weiterhin benötigten Waren müssen bezahlt werden, und das geht nur noch durch Schuldenaufnahme.

Zum dritten muss 1971 bzw. 1973 die Golddeckung des Dollar aufgegeben werden. Zwar bleibt der Dollar internationale Leitwährung und sichert insoweit die Weltmachtstellung der USA ab, aber von da an fehlt ihm die materielle Basis, und zwar mit jedem Jahr mehr, mit dem die Auslandsschuld zunimmt. Damit verbunden ist ein allmählicher Vormarsch des Finanzkapitals. Anstelle der technisch überlegenen Produkte der US-Industrie (wie früher) überschwemmen jetzt Zug um Zug die Finanzprodukte der Wallstreet die Welt. Das heißt, an die Stelle des realen Kapitals tritt das fiktive Kapital.

Wirtschaftspolitisch ist damit der Vormarsch des sog. Neoliberalismus oder Monetarismus verbunden, der sich von den USA ausgehend auf der ganzen Welt ausbreitet.

Irak und Afghanistan

Die nächste große Stufe des Abstiegs ist der 2003 begonnene Irakkrieg. Der Hintergrund dafür ist der Zerfall der Sowjetunion 1991. Scheinbar bedeutete dies den endgültigen Sieg der USA, denn jetzt entsteht die 'one world', die im 2. Weltkrieg nicht erreicht werden konnte. Auf Dauer resultiert daraus jedoch eine zunehmende Schwächung der Stellung der USA, denn mit der Blockkonfrontation fällt auch die Notwendigkeit des Blockzusammenhalts weg und die europäischen Mächte, Deutschland an der Spitze, erhalten neue Spielräume. Außerdem gelingt es Russland allmählich, sich zu konsolidieren, und China wird ohnehin immer stärker.

Zur gleichen Zeit ist die eigene Stellung ausgerechnet in der Region schwach, die sich mit ihren Ölreserven immer mehr zur Schlüsselregion der Weltpolitik entwickelt: im Nahen Osten. Hier hat die islamische Revolution 1979 im Iran ausgerechnet die bisherige Auftragsmacht der USA am Golf, das Schah-Regime, hinweg gefegt. Überall werden islamistische Bewegungen stärker, die erklärte Feinde der USA sind.

Der Irak-Krieg soll daher auf einen Schlag ein ganzes Bündel von Problemen lösen. Das zeigt sich, wenn man die damit verfolgten Kriegsziele analysiert:

Vom Irak ausgehend soll der gesamte Nahe Osten umgestaltet werden, indem die alten, instabilen Regimes in den Scheichtümern durch neue 'demokratische' Regierungsformen abgelöst werden, gestützt auf die in den vergangenen Jahrzehnten entstandenen, neuen bürgerlichen Schichten. Das ist eine Lehre aus der iranischen Revolution von 1979: man will nicht abwarten, bis der Druck den Kessel zum Platzen bringt, sondern die unvermeidbaren Veränderungen im eigenen Sinne selber in die Wege leiten. Auf diesem Weg soll auch der Iran erneut unterworfen werden - wenn möglich mit politischen, wenn es sein muss, auch mit militärischen Mitteln.

Schließlich soll damit die Herrschaft über das Erdöl des Nahen Ostens errungen werden, um alle Mächte, die darauf angewiesen sind, in Abhängigkeit zu halten und auf diese Weise die globale Vorherrschaft der USA auf mindestens eine Generation, wenn nicht länger, zu sichern.

Was ist jedoch das Ergebnis? Die von den sogenannten 'Neokonservativen' entworfene und von der Cheney-Bush-Regierung übernommene Strategie scheitert vollkommen. Die von Saddam Hussein unterdrückte schiitische Mehrheitsbevölkerung fühlt sich dem Iran näher als den USA, und trotz aller Pressionen gelingt es nicht, ein demokratisch legitimiertes Vasallenregime zu errichten; nicht einmal bei der Vergabe von Ölbohr-Lizenzen werden US-Konzerne bevorzugt. Stattdessen kommt es zu einer um sich greifenden Aufstandsbewegung, von der die US-Truppen immer mehr in die Enge getrieben werden.

Auch die Nachbarländer mit dem Iran an der Spitze können nicht wie gewünscht umgestaltet werden; im Gegenteil verschafft die Beseitigung Saddam Husseins dem Iran ungewollt eine quasi-hegemoniale Stellung am Golf.

Zur gleichen Zeit schürt der Irakkrieg in der gesamten Region anti-amerikanische Ressentiments, und die islamisch-revolutionären Kräfte wachsen an.

Etwa 2005 bis 2006 setzt sich in Washington langsam die Erkenntnis durch, dass man gescheitert ist und keine Chance mehr besteht, die anvisierten Ziele zu erreichen. In dem Maße geht es nur noch darum, möglichst ohne Gesichtsverlust aus dem Irak abzuziehen, denn eine offene Demütigung wie in Vietnam will man um jeden Preis vermeiden. Das ist der Sinn der sog. Exit-Strategie; hinter dem Rauchschleier einer vorübergehenden Truppenverstärkung verpflichtet man sich zum endgültigen baldigen Abzug der Truppen und nimmt so dem Aufstand den Zündstoff. Dass der Krieg ohne offene Niederlage beendet werden kann, ändert jedoch nichts daran, dass man zwar Saddam Hussein gestürzt hat, aber keines der damit verbundenen, eigentlichen Kriegsziele erreicht hat.

Das sieht in Afghanistan nicht anders aus. Von einem Sieg kann keine Rede sein, und die US-Truppen sind nicht in der Lage, einen perspektivlosen, langjährigen Zermürbungskrieg durchzustehen. Deswegen ist auch hier die Exit-Strategie angesagt. Eine zeitweise Truppenaufstockung und Kampfführung soll wie im Irak eine Drohkulisse aufbauen, hinter der ein mehr oder weniger geordneter Rückzug stattfinden kann.

Damit sind wir bei dem letzten Punkt angelangt, der jetzigen Situation.

Schluss: Wo stehen die USA heute – unter der Regierung Obama?

  1. Eine ausreichende wirtschaftlich-industrielle Basis für die weltweite Vormachtpolitik ist nicht länger existent. Diese Politik kann überhaupt nur deswegen weitergeführt werden, weil sie durch Schuldenaufnahme vom Ausland bezahlt wird. Davon abgesehen kann sich die US-Hegemonie nur noch auf zwei Pfeiler stützen: den Dollar und das Militär.

  2. Der Dollar ist nach wie vor die Leitwährung der Welt. Als der Konkurs von Lehman Brothers im September 2008 die Finanz- und Wirtschaftskrise auslöste, stand das komplette US-Bankwesen vor dem Zusammenbruch, und das wäre das Ende des Dollars als Weltgeld gewesen. Aus diesem Grund rettete die US-Regierung die Banken mit gigantischen neuen Staatsschulden vor dem Zusammenbruch - um den Preis einer dauerhaft noch viel weitergehenden Destabilisierung des Dollars.

  3. Das Militär ist trotz aller Anstrengungen nicht in der Lage, die politisch entscheidenden Kriege zu gewinnen, wie der Irak demonstriert hat und jetzt erneut Afghanistan zeigt. Damit stehen die USA vor dem Verlust ihrer 'unipolaren' Stellung als einzige Weltmacht und dem Abstieg in eine sog. 'multipolare' Welt.

  4. Innenpolitisch ist in diesem Zusammenhang maßgeblich, dass der vom damaligen New Deal ausgehende Zusammenhalt der Gesellschaft sich aufgelöst hat. Die USA erleben einen zunehmenden Zerfall der Gesellschaft, der sich u. a. in einer wachsenden Wut gegen 'die in Washington' äußert (mit teilweise sehr reaktionären Zügen), ohne dass eine Perspektive erkennbar ist.

  5. Um neue Spielräume zu gewinnen, müssten die USA ihre bisherige Weltmachtstellung bewusst aufgeben. Das heißt, die Rolle des Militärs zurückfahren, die Rüstungsausgaben qualitativ senken, auf die Weltwährungsfunktion des Dollars verzichten, damit im Zusammenhang die Staatsschulden liquidieren und eine Re-Industrialisierung des Landes einleiten. Davon ist die seit 2009 amtierende Obama-Regierung weit entfernt. Die Exit-Strategie zur Beendigung des Irak-Kriegs ist noch von ihrer Vorgänger-Regierung eingeschlagen worden; sie wird von Obama lediglich zu Ende geführt und auf Afghanistan übertragen. Die größte eigene Aktion war bislang die Rettung der Banken, und dadurch ist der Staatshaushalt weiter unterminiert worden. Von der Etablierung eines neuen 'Gesellschaftsvertrags' wie im New Deal kann keine Rede sein; die Parole vom 'Yes we change' hat sich als reines Strohfeuer entpuppt. Die Regierung Obama agiert in jeder Hinsicht als Gefangene der alten Verhältnisse.

  6. Was heißt das für hier und heute? Zurzeit steht zwar die Krise des Euro und damit der Europäischen Union im Vordergrund, aber der Dollar ist im Kern um nichts stabiler, im Gegenteil: was die fundamentalen wirtschaftlichen Daten anbelangt, stehen die USA ähnlich schlecht da wie Griechenland.

    Was ist dabei das gemeinsame Grundproblem, sowohl in Washington als auch in Europa? An beiden Orten ist die 2008 ausbrechende Krise durch neue Staatsschulden vorläufig abgebremst werden. Aber das heißt nur, dass sie sich in die Staatshaushalte hinein verlagert hat und dort früher oder später erneut zum Ausbruch kommen wird.

    Angesichts der bestehenden Verflechtungen ist es unwahrscheinlich, dass der Dollar überlebt, wenn der Euro untergeht, und umgekehrt. Eher wird man sich gegenseitig in den Untergang reißen. Wenn es aber so weit ist, wird es nicht bei wirtschaftlichen Verwerfungen bleiben. Für die USA heißt dies, dass dann nicht nur der Dollar seine Weltwährungsfunktion verlieren wird, sondern dass die Vereinigten Staaten aufhören werden, die Vormacht der Welt zu sein, und eine Welt mit mehreren Zentren entstehen wird, die ihre Bewegungsgesetze erst noch finden muss.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit."