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Heiner Karuscheit

Von der Open-Door-Politik zum Rohstoffimperialismus
- Triebkräfte der us-amerikanischen Geopolitik -

I. Die Hinwendung zur Open-Door-Politik

Seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts war das Hauptziel der us-amerikanischen Außenpolitik die Öffnung und Offenhaltung auswärtiger Märkte, wenn erforderlich mit Gewalt. Im Gegensatz zum Imperialismus der europäischen Mächte waren die ins Visier genommenen Länder allerdings nur als Absatzmärkte für die amerikanischen Waren von Interesse, nicht als Kolonien. Die Vereinigten Staaten strebten keine Territorialherrschaft an, sondern eine politische Dominanz, die ihnen den Zugang zu den Märkten sicherte.

1. Gesellschaftliche Voraussetzungen

Während in großen Teilen Europas bis weit in das 20. Jahrhundert hinein feudale oder gutsherrschaftliche Relikte die Entwicklung hemmten und es zweier Weltkriege bedurfte, bis sich die bürgerlich-parlamentarische Republik endgültig durchsetzte (in Spanien und Portugal dauerte es bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts), traten die Vereinigten Staaten mit der Revolution von 1776 gegen Großbritannien sowohl politisch als auch ökonomisch als bürgerlicher Staat ans Licht.

Eine marktorientierte Landwirtschaft

Erste Triebkraft für die Gewinnung auswärtiger Absatzmärkte war die amerikanische Landwirtschaft. "Ist man an den realhistorischen Bedingungen des aufsteigenden amerikanischen Imperialismus interessiert (...), dann trifft man in der Trendperiode von 1865 bis 1897 zuerst auf die Bedürfnisse der kommerzialisierten Landwirtschaft." (Wehler 1987, S. 19) Bis 1900 lebten mehr Menschen auf dem Land als in den Städten, und auch danach nahm ihre Zahl weiterhin zu, wenngleich nicht so rasch wie die Zahl der Stadtbewohner. Für die Agrarproduktion war entscheidend, dass die Vereinigten Staaten als Siedlerstaat keine Feudalstrukturen kannten, anders als Kontinentaleuropa, wo die Landbevölkerung sowohl unter der Auflösung der überkommenen Agrarverhältnisse wie unter ihrer Nichtauflösung litt.

In den nördlichen Territorien siedelten freie Farmer, die als selbständige kleine Warenproduzenten von Anfang an für den Markt produzierten. Wegen des Mangels an Lohnarbeitern auf den Einsatz von Maschinerie angewiesen und außerdem im Besitz großer Bodenflächen, waren sie ihren europäischen Konkurrenten in der Produktivität überlegen, auch als die ursprüngliche Fruchtbarkeit der jungfräulichen Böden zu Ende ging. In den Südstaaten dominierte im Unterschied zum Norden nicht die kleine, sondern die große Warenproduktion, allerdings gestützt auf unfreie Arbeit. Der allgemeine Mangel an Arbeitskräften führte hier dazu, dass die schwarzen Arbeiter durch Versklavung daran gehindert werden mussten, die Plantagen zu verlassen, um entweder freie Lohnarbeiter in der Industrie des Nordens oder selbständige Farmer zu werden. Unabhängig von der atavistischen Form der Produktionsverhältnisse war die Produktion auf den Markt ausgerichtet.

Nach dem Bürgerkrieg (1861 bis 1865) stieg die Herstellung landwirtschaftlicher Erzeugnisse rapide an. Weil der innere Markt sich schon bald als zu klein erwies, verlangten die Agrarproduzenten von der politischen Führung, im Ausland nach Wegen für den Absatz ihrer Erzeugnisse zu suchen. "Seit den frühen 70er Jahren, als sich das drängende Problem landwirtschaftlicher Überkapazitäten und steigender Überschüsse als permanente Belastung erwies, ergab eine vehemente Diskussion (...) Einhelligkeit darüber, dass nur die Steigerung des Exports eine Dauerlösung schaffen könne." (Wehler 1987, S. 22)

Der Export lag um so näher, da bis Ende des Jahrhunderts die großen Eisenbahnlinien gebaut waren, die das Riesenland von Ozean zu Ozean durchzogen. Auf ihnen konnte die Erzeugnisse, vor allem Getreide, problemlos in die großen Häfen am Atlantik und Pazifik gelangen und von dort nach Europa und Asien verschifft werden. Gleichzeitig verdrängten Dampfschiffe mehr und mehr die Frachtsegler auf den Weltmeeren, ließen die Transportkosten sinken und garantierten einen Frachtverkehr unabhängig von den Launen des Wetters. Den agrarischen Klassen stand also der ganze Weltmarkt offen.

Das Problem war indes, dass dieser Weltmarkt sich aus vielen nationalen Märkten zusammen setzte und die Regierungen dieser Länder durch Zölle und andere Maßnahmen hohe Mauern zum Schutz ihrer eigenen agrarischen Klassen vor der Konkurrenz aus dem Ausland errichteten. Wollte man diese Mauern schleifen, brauchte man eine schlagkräftige Marine. "Nur von daher kann man die konsequente Unterstützung des amerikanischen Schlachtflottenbaus durch die Repräsentanten der Farmer (...) verstehen." (Wehler in: Mommsen 1971, S. 188) Falls eine Regierung sich nicht freiwillig von den Vorzügen des freien Handels überzeugen ließ, konnte man der Meinungsbildung mit einem kräftigen Knüppel nachhelfen, sobald die Schlachtflotte einsatzbereit war.

Eine produktive Industrie

Neben die agrarischen Interessen traten im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts Forderungen aus der Industrie. Wie die Landwirtschaft, so litt auch die Industrie unter dem Mangel an Arbeitskräften; deshalb wurden technische Erfindungen, verbesserte Maschinerie und neue Formen der Arbeitsorganisation, die in Europa nicht oder nur langsam Einzug hielten, in den USA früher und konsequenter eingeführt. Schon Marx hatte im "Kapital" darauf hingewiesen, dass in den Vereinigten Staaten Maschinerie zum Einsatz kam, die in England erfunden worden war, sich wegen des Überflusses an billiger Arbeitskraft dort aber nicht durchsetzen konnte (MEW 23, S. 414). Das Fließband und der Taylorismus begannen jenseits des Atlantiks ihren Triumphzug, nicht weil das "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" per se dafür prädestiniert war, sondern weil der Mangel an lebendiger bzw. qualifizierter Arbeit es dahin trieb. Das Resultat war ein rasches Wachstum der industriellen Massenproduktion, das die USA schon bald die europäischen Länder überflügeln ließ.

Von 1873 bis 1896 durchlebte Nordamerika ebenso wie Europa eine so genannte "lange Welle" wirtschaftlicher Depression. Der Begriff ist problematisch, weil das in der Industrie angelegte Kapital weiterhin zunahm - ein "Beweis, dass auch während der langfristigen Depression das Wachstum der Wirtschaft nicht zum Stillstand kam" (Landauer, S. 123 f). Aber dieser Anstieg erfolgte unregelmäßig, immer wieder unterbrochen von tiefen Abstürzen, Zusammenbrüchen und wechselnden Perioden des Verfalls und Wiederanstiegs der Preise.

Währenddessen begann die Arbeiterbewegung sich in elementaren Klassenkämpfen zu formieren. Massenstreiks, der Einsatz von Schlägerbanden und der Ruf nach dem Militär gehörten in den Fabriken zum Alltag. International wurde hier zum ersten Mal der Kampf um den Achtstundentag geführt, nicht weil die amerikanische Arbeiterbewegung weiter vorangeschritten war als die europäische, sondern weil die Kampfbedingungen angesichts der Knappheit an Arbeitskräften günstiger waren. Gefiel die Fabrik einem Arbeiter nicht oder stand er auf der "schwarzen Liste", konnte er immer noch Farmer werden. Gewerkschaftlich dominierten zunächst die "Knights of Labor", die "Ritter der Arbeit", die neben ungelernten und gelernten Arbeitern auch Farmer und kleine Geschäftsleute organisierten, denn insbesondere auf dem Land war der Wechsel vom einen zum andern Beruf an der Tagesordnung. Sie wurden später verdrängt durch die von Facharbeitern geprägte "American Federation of Labor" (AFL).

Neben der aufkommenden Arbeiterbewegung hatte die Bourgeoisie mit den Farmern zu kämpfen. Diese litten nicht nur unter dem Preisverfall ihrer Produkte infolge von Überproduktion; sie wandten sich außerdem gegen die monopolistisch hohen Frachttarife der Eisenbahngesellschaften sowie dagegen, dass die Industriellen die Preise für Agrarmaschinen durch die Fernhaltung ausländischer Konkurrenz mit Hilfe von Einfuhrzöllen hoch hielten. Immer mehr Farmer, aber auch Plantagenbesitzer gerieten in die Überschuldung und verlangten vom Staat ein Eingreifen gegen die hohen Zinsen, gegen Monopole und Trusts. Dazu kam eine Auseinandersetzung um die Gold- oder Silberdeckung der Währung. Während die Banken für die Golddeckung eintraten, favorisierten die Farmer das Silber bzw. eine "bimetallische" Währungsdeckung aus Gold und Silber, da letzteres wegen seines Überangebots einen Fall des Geldwerts und somit eine Verringerung ihrer Hypothekenschulden erwarten ließ.

Eine wichtige Rolle in diesen Auseinandersetzungen spielte die "Peoples Party" (vgl. Sautter, S. 283 ff). Neben dem Ruf nach Silberdeckung des Dollars verfocht sie demokratische, antimonopolistische Forderungen wie z. B. die nach Verstaatlichung der Eisenbahn-, Telefon- und Telegraphengesellschaften, aber auch nach kürzerer Arbeitszeit und einer Beschränkung der Einwanderung. In dieser Bauern- und Arbeiterpartei spiegelten sich die fließenden Übergänge zwischen Farmern und Arbeitern wieder, die für das damalige Nordamerika so charakteristisch wie in Europa unbekannt waren. Nur das vorrevolutionäre Russland kannte ähnlich enge Beziehungen zwischen den arbeitenden Klassen, aber hier auf völlig anderen Grundlagen, nämlich dem dörflichen Gemeinbesitz an Land, der die Fabrikarbeiter in regelmäßigen Abständen ins Dorf zurückkehren ließ, um den Anspruch ihrer Familie auf Landzuteilung nicht zu verlieren.

Die Nachfolge der Populisten traten später die Progressivisten des "progressive movement" an (Sautter, S. 292 ff), die das Spektrum von Farmern und Arbeitern um Angehörige der städtischen Mittelschichten ergänzten. Ihre Forderungen fanden in den 30er Jahren Eingang in das Programm des "New Deal".

2. Der Weltmarkt als Weg aus der Krise

Als 1893 eine erneute scharfe Krise mit massenhaften Zusammenbrüchen und sozialen Unruhen ausbrach, setzte sich in der Bourgeoisie endgültig die Überzeugung durch, dass man äußere Märkte erschließen müsse, um die überschüssigen Waren abzusetzen und einen drohenden Umsturz zu verhindern. "Die 'Große Depression' der 70er und 80er Jahre des 19. Jahrhunderts, die in der furchtbaren Panik von 1893 ihren Höhepunkt erreichte, hatte die führenden amerikanischen Politiker und Geschäftsleute zu der ketzerischen Ansicht bekehrt, dass in der industriellen Überproduktion die Hauptursache für die wirtschaftlichen Schwierigkeiten ihres Landes liege. Von der sich daraus ergebenden Furcht vor ökonomischer Stagnation und sozialem Umsturz getrieben, richteten sie ihre Blicke in wachsendem Maße nach Übersee, um dort Ventile für den Produktionsüberschuss zu finden. Letztlich suchten sie für Amerika auf dem Weltmarkt eine neue 'Frontier'." (Thomas Mc Cormick: "Inselimperialismus und 'Offene Tür': Der chinesische Markt und der spanisch-amerikanische Krieg"; in: Wehler 1979, S. 400)

Die Orientierung nach außen schlug eine Brücke zwischen Bourgeoisie, Plantagenbesitzern und Farmern. "Auf diese geballte Krisenproblematik von Depression, Massenstreiks, vordringendem Sozialismus in der AF of L., Arbeitslosenheeren, Populismus mit Silber- und Bimetallismusagitation usw. reagierte die industrie- und finanzwirtschaftliche 'Business Community' mit einer Ausdehnung des Konsensus über die endgültig unabweisbare funktionelle Notwendigkeit gesteigerter Industrie- und Agrarexporte. (...) Endlich wurden der Konsensus der Agrarier und des industriell-finanziellen Komplexes deckungsgleich." Zwar gab es weiter eine Reihe von zum Teil tiefgehenden Differenzen wie über die fortdauernden Schutzzölle für ausländische Industrieerzeugnisse, aber es "verband doch beide Lager völlige Einigkeit im Hinblick auf den hohen Rang der Exportfrage." (Wehler 1987, S. 36) Auch als nach der großen Depression ein neuer Aufstieg einsetzte, hielten alle Seiten an der gemeinsamen Politik der Erschließung von Außenmärkten fest.

In diesen Konsens zwischen städtischer Bourgeoisie und agrarischen Klassen konnte man auch die Arbeiter einschließen, wenn sie sich überzeugen ließen, statt den ökonomischen und politischen Kampf gegen die eigene Bourgeoisie zu führen, gemeinsam mit ihr für die Eroberung äußerer Märkte einzutreten, um durch den Absatz der produzierten Waren Arbeitsplätze und Löhne zu sichern. Gelang dies, so agierte die Arbeiterschaft nicht als Klasse für sich, sondern als Flügel des Kapitals. Der Aufstieg der Facharbeitergewerkschaft AFL, die auf eine Klassenkooperation orientierte, ebnete den Weg dorthin.

Als zusätzliches Moment für die Wendung nach außen kam hinzu, dass die staatliche Zensusbehörde 1890 den Abschluss der Siedlungspolitik verkündet hatte. Bis dahin war die "frontier", die Siedlungsgrenze, immer weiter nach Westen vorangetrieben worden, bis sie den Pazifik erreicht hatte. Jetzt waren die letzten Ländereien der Indianer vergeben worden. Faktisch folgte daraus nicht viel, denn billiges Land gab es nach wie vor zur Genüge. Das Problem blieb nach- wie vorher, dass es nicht reichte, Land zu besitzen. Hauptsächlich benötigte man Geld für die Anschaffung landwirtschaftlicher Geräte und Transportmittel sowie dafür, den Zeitraum bis zum Verkauf der ersten Ernten zu überbrücken. Aber "für die Debatte (…) über die Überkapazitäten auf dem Binnenmarkt und das Gewicht des Außenhandels bedeutete dieses angebliche Dahinschwinden der freien Landreserve einen Ansporn insofern, als fortab der Außenpolitik mit noch stärkerem Nachdruck die Aufgabe zugewiesen wurde, als Ersatz neue Märkte jenseits der Landesgrenzen sicherzustellen, die historische Frontier zu einer 'New Frontier' in Übersee gewissermaßen zu verlängern." (Wehler 1987, S. 34)

Im Unterschied zu den europäischen Mächten stand nicht der Erwerb von Kolonien im Zentrum der eingeschlagenen Politik, sondern der so genannte Handelsimperialismus. "Die Leiter der amerikanischen Politik vermieden einen formellen Imperialismus und wählten als Form ökonomischer Expansion vorwiegend die Politik der Offenen Tür, zu der sie 1895 übergingen. Sie wurde als 'Offenhalten der Außenmärkte' und Sicherstellung 'gleicher und liberaler Handelsmöglichkeiten' definiert." (Mc Cormick, S. 400  f) Diese Zielsetzung bildete über mehrere Jahrzehnte hinweg die Antriebskraft der Außen- und Militärpolitik der USA - so lange, wie die produktive Überlegenheit der amerikanischen Landwirtschaft und Industrie andauerte.

Die Meinung, dass die "Überschüsse" der kapitalistischen Produktion auf auswärtigen Märkten abgesetzt werden müssten, war seinerzeit weit verbreitet, auch in den Reihen der Marxisten. Rosa Luxemburg z. B. vertrat im Gegensatz zur Marxschen Kritik der politischen Ökonomie, dass das Kapital auf seinen eigenen Grundlagen nicht zur erweiterten Reproduktion fähig sei und eines "zusätzlichen Marktes" in nichtkapitalistischen Ländern und Schichten bedürfe, um akkumulieren zu können. Davon ausgehend entwickelte sie eine eigene Spielart der Imperialismustheorie, der zufolge Imperialismus "der politische Ausdruck des Prozesses der Kapitalakkumulation in ihrem Konkurrenzkampf um die Reste des noch nicht mit Beschlag belegten nichtkapitalistischen Weltmilieus" war. (vgl. Klaus Winter: Unterkonsumtion und allgemeine Krise des Kapitalismus, Teil II: Rosa Luxemburgs Akkumulationstheorie, in: AzD 34/1985; Paul, S. 181 ff)

3. Eine Strategie der Seeherrschaft

Die Wendung nach außen konfrontierte die USA mit den europäischen Mächten, die um den Erwerb von Kolonien konkurrierten, aber auch mit Japan, wo man begann, sich dem asiatischen Festland zuzuwenden. In einer öffentlichen Debatte wurden die Konsequenzen erörtert, die der Übergang zur Weltpolitik haben würde. Den größten Einfluss gewann dabei die von dem Flottenoffizier Alfred T. Mahan entwickelte Theorie der Seemacht, die ihn zum führenden "Navalisten" seiner Zeit machte.

Mahans Ausgangspunkt war die "Sorge, wie man für eine voll entwickelte, durchorganisierte Wirtschaft, die einen Produktionsüberschuss erzeugte, Außenmärkte finden konnte." (Lafeber, S. 397) Diese Märkte sollte Washington anders als die europäischen Mächte nicht als Kolonien, sondern in selbständig bleibenden Staaten erschließen. Ein noch aufzubauendes zusammenhängendes System von Stützpunkten und Niederlassungen sollte mit der Versorgung der Handelsflotte auch den weltweiten Einsatz der Kriegsmarine ermöglichen, um der Open-Door-Politik Nachdruck verleihen zu können. Geostrategisch forderte Mahan, dass die USA die Gegenküsten sowohl des Atlantischen als auch des Pazifischen Ozeans beherrschen müssten, um den Status einer überlegenen Seemacht zu erlangen.

Diese Zielsetzung bedeutete, nicht nur in Asien Fuß zu fassen, sondern auch in Europa - und das zu einer Zeit, da die USA erst begannen, Weltpolitik zu machen und die europäischen Länder noch unbestritten die führenden Weltmächte waren. Mahans Theorie setzte die Ziele der amerikanischen Bourgeoisie in eine kohärente Außen- und Militärpolitik um, die in Kernpunkten bis heute für die Geostrategie gültig geblieben ist.

Um in dem Wettrennen um fremde Territorien und Auslandsmärkte nicht zu spät zu kommen, war die amerikanische Bourgeoisie auch zum Krieg bereit. "Die politischen Köpfe unter den Imperialisten, wie der Flottenstratege Alfred T. Mahan, der Republikanische Senator Henry Cabot Lodge und der spätere Präsident Theodore Roosevelt, die eine beachtliche Zahl von Anhängern in der Wirtschaft, Presse und in den Universitäten hatten, wurden (...) von dem Ziel getrieben, den USA einen Platz als Weltmacht zu sichern. (...) Zwar glorifizierte diese imperialistische Avantgarde den Krieg nicht, sah aber gemäß ihrer sozialdarwinistischen Überzeugungen im Krieg den geopolitisch notwendigen Kampf zwischen Starken und Schwachen. (...) Die ideologische Rechtfertigung für eine expansive Außenpolitik leisteten die Theorien des Sozialdarwinismus, die die Evolutionstheorie des Darwinismus rassisch und national umdeuteten." (Länderbericht USA, S. 98) Auf dem Boden der in allen bürgerlichen Ländern verbreiteten rassistischen Theorien war man in der weißen Führungsschicht Nordamerikas von der Sendung der angelsächsischen Rasse überzeugt, als deren jugendlich kräftigen Ableger man sich in der Nachfolge der britischen Weltmacht sah.

Um die Jahrhundertwende nahm die amerikanische Kriegsflotte nach Großbritannien und Deutschland bereits den dritten Rang ein. Als 1914 dann noch der Panama-Kanal fertig gestellt war und die bis dahin getrennten Flottenteile jederzeit vom Pazifik in den Atlantik gelangen konnten und umgekehrt, um ihre Schlagkraft zu vereinigen, war Washington zu einer ebenbürtigen neuen Weltmacht geworden.

4. Die Stellung der Massen und der Isolationismus

Der "handelsimperialistische" Charakter der US-Politik im Unterschied zum "Territorialimperialismus" der europäischen Mächte hing nicht zuletzt mit der Stellung der Massen zusammen, die mit Hilfe des allgemeinen Stimmrechts Einfluss auf die Politik nahmen.

Die Hauptsorge der nordamerikanischen Landwirte war der Absatz ihrer Agrarprodukte; deshalb unterstützten sie den Aufbau der Marine, um die erwünschten Auslandsmärkte nötigenfalls mit Gewalt zu öffnen. Ein weitergehendes Interesse an Siedlungskolonien hatten sie nicht, denn im eigenen Staat war mehr als genug Land vorhanden - hier lebte kein "Volk ohne Raum".

Die Arbeiter waren gegen den Erwerb von Kolonien, weil sie befürchteten, dass aus den eroberten Territorien neue Arbeitskräfte hereinströmen und die Löhne drücken würden. Bereits angesichts der für den Eisenbahnbau importierten chinesischen "Kulis" hatte es heftige Auseinandersetzungen gegeben, bis die Regierung genötigt war, gegen die Interessen des Kapitals die Einwanderung aus China zu unterbinden. "Der Präsident der American Federation of Labor, Samuel Gompers, warnte immer wieder davor, dass die imperialistische Politik zum Massenimport billiger Arbeitskräfte und billiger Waren führen und dadurch die amerikanische Wirtschaft schwächen würde." (Länderbericht USA, S. 99) Die Gewerkschaften unterstützten die Open-Door-Politik, wandten sich aber gegen die Eroberung von Kolonien, die sie als "Imperialismus" kritisierten.

Die industrielle Bourgeoisie ihrerseits hatte keinen Anlass für einen "Rohstoffimperialismus", da das eigene Riesenterritorium genügend Naturschätze für die Produktion bereit stellte. Im Resultat herrschte in allen Klassen die Auffassung vor, "dass Kolonialbesitz in großen, dichtbevölkerten Gebieten wie China unerwünscht und unnötig sei." (Mc Cormick, S. 401)

Daraus resultierte der so genannte "Isolationismus". Man war für die einer Seemacht angemessenen kurzen Einsätze des Militärs wie z. B. in Lateinamerika, nicht aber für ein dauerhaftes militärisches Engagement größeren Umfangs. Das war das Problem Wilsons im Ersten und Roosevelts im Zweiten Weltkrieg. Beide Präsidenten hatten es mit einer "Öffentlichkeit" zu tun, die gegen die Kriegsteilnahme der USA eingestellt war - nicht weil sie gegen Kriege als solche war, sondern weil die europäischen Kriege als lang dauernde Landkriege ausgetragen wurden.

II. Die Gewinnung äußerer Märkte und der Gegenküsten

Lateinamerika wurde von Anfang an als "Heimatmarkt" betrachtet (Monroe-Doktrin). Die Festsetzung an den jenseits des Atlantik und Pazifik liegenden Gegenküsten betrieb Washington unter Ausnutzung der je gegebenen internationalen Situation, wobei es darauf bedacht war, nicht offen als Aggressor in Erscheinung zu treten.

1. Der Weg nach Asien

In Asien bot sich als weitaus größter Markt China an. Auf dem Weg dorthin hatten die USA in den 50er Jahren bereits Handelsprivilegien mit Japan vereinbart, das sowohl als eigener Markt als auch als Zwischenstation im Chinahandel von Bedeutung war. Als die „Große Depression“ den Absatz der amerikanischen Waren auf dem Binnenmarkt stocken ließ, wurde die Öffnung des chinesischen Markts um so vehementer verlangt. Der US-Außenminister William R. Day "wies unmissverständlich darauf hin, dass die Wirtschaftslage im Innern eine kräftige ökonomische Expansion nach China erforderlich mache. Von der Erkenntnis ausgehend, dass die 'weit über die Bedürfnisse des inneren Marktes hinausgehende industrielle Produktion' eine 'Ausdehnung der Außenmärkte' notwendig mache, wies der Minister darauf hin, dass diesem Gesichtspunkt 'nirgendwo eine größere Bedeutung zukomme als im Hinblick auf das Chinesische Reich.'" (Mc Cormick, S. 405).

Tatsächlich bestimmte diese "asiatische" Orientierung nicht auf alle Zeit die amerikanische Außenpolitik, denn als der Erste Weltkrieg ausbrach, rückte Europa in den Mittelpunkt des Interesses. Aber bis dahin trieben die US-Administrationen vorrangig die Gewinnung von Stützpunkten im Pazifik voran, um auf dem Seeweg nach Asien eine Kette von Zwischenstationen für die Handelsflotte und Kriegsmarine aufzubauen.

In den 90er Jahren annektierten die USA Hawaii und die Samoa-Inseln. 1898 provozierten sie Spanien durch die Anerkennung der Unabhängigkeit Kubas zu einer Kriegserklärung und annektierten nach dessen schneller Niederlage Guam und die Philippinen. Wie die anderen Inseln wurden diese Territorien "in dem Bestreben erworben, ein Netz von Kohlen-, Kabel- und Marinestationen zu einem zusammenhängenden Handelsweg auszubauen, wobei man sich der verschiedensten Mittel bediente. Diese Verbindung sollte Amerikas vorrangiges Ziel im Pazifik - die Durchdringung und schließlich die Beherrschung des legendären chinesischen Marktes - verwirklichen helfen." (Mc Cormick, S. 400) Kuba wurde ein Protektoratsstatus aufgezwungen. Die Karibikinsel blieb zwar formal unabhängig, stand aber außen-, militär- und wirtschaftspolitisch unter us-amerikanischer Vormundschaft.

Noch während der Kampfhandlungen mit Spanien kamen Forderungen auf, dessen gesamtes Kolonialreich zu übernehmen. Sie wurden jedoch von dem damaligen Präsidenten McKinley zurückgewiesen, denn "die Offene Tür und nicht ein Kolonialismus großen Stils sollte das Instrument amerikanischer Expansion bleiben." (Mc Cormick, S. 410) Eine Ausnahme bildeten die Philippinen, die von den USA als Kolonie übernommen wurden. Zur Einrichtung eines Handels- und Marinestützpunkts hätte ein sicherer Hafen mit etwas Hinterland ausgereicht; dafür bot sich Manila an. Größe und Bevölkerungszahl der gesamten Inselgruppe gingen jedoch weit darüber hinaus. Dieses Abgehen von der sonst bevorzugten Politik geschah offenbar aus Sorge, dass angesichts des Zerfalls der spanischen Herrschaft ansonsten Japan, Deutschland oder England die Philippinen beanspruchen würden. Dann wäre ein amerikanisches Manila aber isoliert und ständig gefährdet gewesen. (vgl. Wehler 1987, S. 266 f)

Möglicherweise war die Annexion auch eine Konzession an das Militär, denn von "der Aussicht auf ein künftiges 'Imperium' verführt, in dem sie eine wichtige Rolle zu spielen hofften, befürworteten jedoch zahlreiche Militärs die Annexion der Philippinen auch als einen ersten Schritt auf dem Wege zu einem ausgreifenden territorialen Imperialismus." (Mc Cormick, S. 408) Die hier genannten "zahlreichen Militärs" dürften sich hauptsächlich in den Reihen der Landstreitkräfte befunden haben, deren Rolle mit der Ausdehnung der Territorialherrschaft über fremde Gebiete wachsen musste.

Mit der kolonialen Einverleibung der Philippinen handelten sich die USA sofort Scherereien ein. Die Filipinos hatten nicht jahrelang die Spanier bekämpft, um jetzt von Nordamerikanern regiert zu werden. Sie griffen 1899 zu den Waffen, um die neue Fremdherrschaft los zu werden. In einem jahrelangen Zermürbungskrieg ließ die US-Regierung kaum eine Gräueltat aus, um ihre Herrschaft zu sichern. "Die Amerikaner trieben die zur Guerillataktik Zuflucht nehmenden Filipinos zu Tausenden in regional errichteten Konzentrationslagern zusammen und folterten und straften nach Gutdünken." (Sautter, S. 318 f) Erst 1946 gestanden sie ihrer Kolonie nach einer Volksabstimmung die Selbständigkeit zu, nachdem Japan die Philippinen zwischenzeitlich besetzt und Washington ein Unabhängigkeitsversprechen gegeben hatte, um die Bevölkerung gegen Japan zu gewinnen.

Zur Open-Door-Politik gehörte, dass die USA andere Mächte daran hindern mussten, innerhalb der amerikanischen Interessensphären Kolonialbesitz zu erwerben, denn das hätte die Unterbindung des freien Handels ermöglicht. "Paradoxerweise wurde die amerikanische Expansion mit von der antiimperialistischen Absicht bestimmt, das Eindringen des Kolonialismus in China zu verhindern und es so für eine Durchdringung auf dem Wege der Offenen Tür offen zu halten." (Mc Cormick, S. 411) Um "offene Türen" zu sichern, kooperierte man mit den europäischen Mächten wie z. B. bei der Bekämpfung des sog. Boxeraufstands im Jahre 1900. Auch konnte man mit extraterritorialen Stützpunkten dieser Mächte wie Hongkong für Großbritannien oder Kiautschau für Deutschland einverstanden sein. Darüber hinaus sperrten sich die Vereinigten Staaten aber gegen jeden Versuch, das chinesische Reich oder Teile davon kolonial zu unterwerfen, sondern traten für die territoriale und verwaltungsmäßige Einheit und die Souveränität Chinas ein. Daraus resultierte ein latenter Gegensatz zu Japan, das mit dem Ziel kolonialer Unterwerfung auf das chinesische Festland vorstieß.

Gleichzeitig war man sich trotz aller Rivalität mit den anderen Mächten einig, den Aufbau einer eigenständigen chinesischen Industrie, insbesondere Schwerindustrie, zu verhindern. (Wehler 1987, S. 263) China sollte als Markt zugerichtet werden, aber nicht zum industriellen Konkurrenten aufsteigen. Umgekehrt behielten die USA durchgängig Zölle zum Schutz der eigenen Industrie bei - zeitweise die höchsten weltweit.

2. Der gescheiterte Sprung nach Europa

Die Orientierung hauptsächlich auf Asien fand ein Ende, als die wechselseitige Zerfleischung der europäischen Mächte im 1. Weltkrieg die Gelegenheit bot, an der atlantischen Gegenküste Fuß zu fassen und in die weltweit größten Märkte vorzustoßen. Der kurz vor Beginn des Weltkriegs zum Präsidenten gewählte Woodrow Wilson (Präsidentschaft 1913 - 1921) war wie seine Vorgänger der Überzeugung, dass "unsere Industrie (...) aus allen Nähten platzen wird, wenn sie nicht einen freien Absatzweg zu den Märkten der Welt findet (...). Unser Binnenmarkt genügt nicht mehr. Wir brauchen Außenmärkte." (William Appleman Williams: Amerikas "idealistischer" Imperialismus 1900 - 1917; in: Wehler 1979, S. 426) Aber auf welcher Seite der Front sollte man die Gelegenheit ergreifen, in Europa Fuß zu fassen? Für die schließlich gewählte Koalition mit England, Frankreich und Russland gegen Deutschland-Österreich gab es eine Reihe von Gründen.

Als bevölkerungsreichstes Land Europas war Deutschland der ideale Absatzmarkt für das überreichliche amerikanische Getreide. Zwar wurde vor allem in den ostelbischen Regionen Preußens ebenfalls Getreide angebaut, aber das amerikanische Konkurrenzprodukt war trotz der zusätzlichen Transportkosten um einiges preiswerter, da die patriarchalisch-gutsherrschaftlichen Verhältnisse auf den junkerlichen Gütern zu geringerem Maschineneinsatz und höheren Produktionskosten führten. Aufgrund ihrer politischen Machtstellung im Deutschen Reich sorgten die Junker jedoch für hohe Schutzzölle, um ihr eigenes Getreide auf dem Binnenmarkt absetzen zu können. Das war der Ansatzpunkt für die US-Regierung, um unter der Fahne der Demokratie für ihre Entmachtung einzutreten.

Zu der Frontstellung gegen Deutschland trug bei, dass die deutsche Industrie die schärfste Konkurrentin der USA auf den Weltmärkten war. Insbesondere war ärgerlich, dass die Deutschen auf den mittel- und südamerikanischen Markt drängten, den die nordamerikanischen Industriellen als ihren Privatbesitz ansahen.

Auf der anderen Seite war der amerikanische Handelsaustausch mit Großbritannien und Frankreich weit umfangreicher als der mit Deutschland. Am Vorabend des Weltkriegs, im Jahr 1913, nahmen Frankreich und Großbritannien mitsamt ihren Kolonien 77 % der amerikanischen Exporte auf. Nicht zuletzt waren auch die Beziehungen der amerikanischen Banken mit Frankreich und Großbritannien enger als mit Deutschland. (Williams, S. 438)

Bis dahin waren die USA nicht als internationale Vorreiter der Demokratie in Erscheinung getreten. Insbesondere bedeutete die Gegnerschaft gegen den Kolonialismus nicht, in den als Märkte auserkorenen Ländern für bürgerliche Demokratie oder das Selbstbestimmungsrecht der Nationen einzutreten. In Lateinamerika ließ man das eigene Militär regelmäßig zugunsten reaktionärer Regimes von Großgrundbesitzern eingreifen, die den Vorzug besaßen, ihr Land als Markt für amerikanische Waren zur Verfügung zu stellen. Und als Kolumbien bei der Frage des Baus eines Kanals zwischen Atlantik und Pazifik von seinen souveränen Rechten nicht den richtigen Gebrauch machte, inszenierten die Amerikaner kurzerhand einen Aufstand, der zufällig an genau der Stelle, wo der Kanal geplant war, einen neuen Staat namens Panama entstehen ließ, dessen erste Amtshandlung die Übergabe des für den Bau benötigten Landstreifens an die USA war.

Den demokratischen Mantel warf man erst im Weltkrieg über, als es galt, eine Legitimation für den Kriegseintritt gegen die adelig geführten Mittelmächte zu finden. Dabei hatten die USA keine Hemmungen, sich außer mit Großbritannien und Frankreich auch mit dem Zarenreich zu verbünden, dem gegenüber das kaiserliche Deutschland mit seinem nach allgemeinem Wahlrecht gewählten Reichstag fast ein demokratischer Musterknabe war. Insbesondere der "idealistische" Präsident Woodrow Wilson schreckte vor keiner ideologischen Verrenkung zurück, um den Kriegseintritt zu rechtfertigen. "Die puritanische Selbstgerechtigkeit, mit der er von der Richtigkeit seines Eingreifens in Mittelamerika und dann später seiner Teilnahme am ersten Weltkrieg überzeugt war, entbehrt nicht einiger Verkrampfung." (Sautter, S. 321)

Nach dem Krieg waren die USA nicht nur die größte Wirtschafts-, sondern auch die stärkste Finanzmacht; sie waren zur Gläubigernation geworden mit der Folge, dass sich das weltweite Finanzzentrum von London nach New York verschob. In der Rüstung zur See vereinbarten sie 1922 im "Washingtoner Abkommen" die Gleichberechtigung mit Großbritannien, mit einem großen Vorsprung vor Japan und einem noch größeren vor Frankreich und Italien, den anderen Teilnehmern der Konferenz (Verhältnis der Flottenstärke 5 : 5 : 3 : 1,75 : 1,75).

Politisch aber erlitt Wilson eine schwere Niederlage, denn Großbritannien und Frankreich verwehrten die Mitsprache bei der Neugestaltung Europas, und nicht einmal das besiegte Deutschland zeigte sich ausreichend willfährig. Zwar nahm es amerikanische Finanzhilfe in Anspruch (Dawes-Plan, Young-Plan), wurde aber im Gegensatz zur Lage nach dem 2. Weltkrieg nicht zum Vasallen der USA. Unter anderem sorgten die in der Novemberrevolution nur geschwächten, aber dank sozialdemokratischen Beistands nicht geschlagenen Junker nach wie vor für Getreideschutzzölle, die zwar nicht mehr so hoch wie vor dem Krieg waren, aber aus dem deutschen Agrarmarkt noch längst keinen offenen Markt machten.

Auch innenpolitisch erhielt der amerikanische Präsident keinen Rückhalt für den von ihm konzipierten Völkerbund, der die Verbindung nach Europa sicherstellen sollte. "Ohne tieferes Verständnis war die amerikanische Bevölkerung in den Krieg hineingeschlittert, in konfuser Verwirrung beendete sie ihn. Die Ideale, für die man zu kämpfen geglaubt hatte, schienen unerreichbar fern. Die Europäer hatten sich des doch so selbstlos dargebotenen amerikanischen Opfers kaum würdig erwiesen, und die eigene Führung schien die widersprüchlichsten Konsequenzen aus den Erfahrungen der letzten Jahre zu ziehen." (Sautter, S. 344) Im Endeffekt war Wilson mit seinem Hauptkriegsziel, der Festsetzung der USA an der atlantischen Gegenküste, gescheitert. Die Folge war eine Verstärkung des "Isolationismus" - allerdings nur im Sinne des Unwillens, sich in europäischen Angelegenheiten zu engagieren, nie gegenüber anderen Regionen wie Lateinamerika oder Asien.

3. Die Festsetzung in Europa

Zwei Jahrzehnte später gab der nächste Krieg erneut die Gelegenheit, in Europa Fuß zu fassen, und wieder war Deutschland der Hauptgegner. Wie beim vorigen Krieg war der Grund für den Kriegseintritt keine Frage der Demokratie, so sehr der amerikanische Präsident Roosevelt dies auch in den Vordergrund rückte (nicht einmal die Vernichtung der europäischen Juden veranlasste die US-Administration bis Kriegsende zu ernsthaften Gegenmaßnahmen). Entscheidend war, dass das von der NS-Führung angestrebte "Großgermanische Reich" weltmachtpolitisch eine Gefahr ersten Ranges darstellte, der gegenüber die alten Kolonialmächte England und Frankreich verblassten. Außerdem verfolgten die Nationalsozialisten eine Autarkiepolitik, die nicht nur Deutschland, sondern bei einem Sieg des Dritten Reichs ganz Europa vor den amerikanischen Waren abgeschlossen hätte.

Im Innern war es Roosevelt durch die Politik des "New Deal" gelungen, eine solide gesellschaftliche Basis für den angestrebten Krieg zu schaffen. Der "New Deal" realisierte eine Art Klassenkompromiss zwischen Bourgeoisie, Farmern und Proletariat. Kredithilfen und ein agrarisches Preisstabilisierungsprogramm kamen den Farmern entgegen. Die ansatzweise Einführung einer Renten-, Unfall- und Arbeitslosenversicherung sowie die staatliche Anerkennung der Gewerkschaften und des Streikrechts befriedigten die Arbeiter. Staatliche Aufträge für den Bau öffentlicher Gebäude, den Straßen- und Brückenbau brachten die Wirtschaft voran. Im "Tennessee-Projekt" kulminierte diese Politik mit dem Bau von zwanzig Staudämmen: es gab Riesenaufträge für die Industriellen, massenhafte Arbeitsbeschaffung für die Arbeiter und eine flächendeckende Elektrifizierung für Zigtausende von Dörfern und Farmen.

Alle Erfolge der vom Staat organisierten und gesteuerten Klassenkooperation änderten indes nichts an der öffentlichen Meinung, die bis weit in die politische Führung hinein jedes militärische Engagement in Europa ablehnte. Diese Stimmung war nur zu kippen, wenn die USA selber angegriffen wurden. Bis dahin blieb nichts anderes übrig, als die Kriegsgegner Deutschlands nach Kräften zu unterstützen, im Kalkül, den Krieg so lange andauern zu lassen, bis sich doch noch eine Gelegenheit zum Eingreifen ergab. Das bedeutete, zunächst London und nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 auch Moskau mit allem notwendigen Kriegsmaterial zu beliefern.

Während Roosevelt sich in der amerikanischen Öffentlichkeit als Gegner eines amerikanischen Kriegseintritts gab, verfolgte er im Hintergrund eine Strategie "short of war" - an der Schwelle zum Krieg, um Deutschland zum Waffengang gegen die USA zu provozieren. Unter Umgehung der vom Kongress verhängten Einschränkungen ließ er u. a. Kriegsschiffe an London liefern, dehnte die von den USA beanspruchte Sicherheitszone im Atlantik immer weiter nach Osten in Richtung auf das nationalsozialistisch beherrschte Europa aus und ließ seine Marine Geleitschutz für die Schiffslieferungen nach Großbritannien fahren, so dass britische Kriegsschiffe für den Seekrieg gegen Deutschland und Italien freigestellt wurden. Regelmäßige geheime Stabsgespräche zwischen der britischen und amerikanischen Marineführung stimmten das gemeinsame Vorgehen ab.

Im Juli 1941 besetzten amerikanische Truppen Island und bauten die Insel zur Nachschubbasis für den geplanten Kriegseintritt aus. In den Gewässern um Island überschnitten sich die deutsche und die amerikanische Kriegszone schließlich, zumal als die amerikanische Marine die Kontrolle über die Dänemark-Straße zwischen Island und Grönland übernahm. Es kam auch öfter zu Zwischenfällen zwischen deutschen U-Booten und amerikanischen Kriegsschiffen, aber "zu Roosevelts maßloser Enttäuschung erneuerten Hitler und Dönitz nach jedem dieser Vorkommnisse ihre Befehle an die U-Boot-Kommandanten, die amerikanischen Seestreitkräfte auf keinen Fall anzugreifen." (Bavendamm, S. 403)

Bis dahin war Japan nicht der Wunschgegner der Regierung gewesen. Das ökonomisch und militärisch unterlegene Inselreich galt als jederzeit beherrschbar. Zwar kritisierten die USA die japanische Aggression in China, aber grundsätzlich hatte man sich in der Vergangenheit bei Konflikten immer einigen können. Außerdem wollte Roosevelt keinen Zweifrontenkrieg führen; seine Priorität war "Germany first".

Erst als sich herausstellte, dass die nationalsozialistische Reichsführung alles unterließ, was den USA einen Kriegsgrund liefern konnte, "trat der Präsident einem Krieg gegen Japan als Anlass und Rechtfertigung für den amerikanischen Kriegseintritt in der Erwartung näher, dies werde die Kriegserklärung Hitlers an die Adresse der USA zur Folge haben. Ausschlaggebend für diesen Wandel war der frustrierende Lernprozess, den Roosevelt im Atlantik absolvierte: Zwei Jahre lang versuchte er vergeblich, Hitler durch eine militärische Eskalation zum Angriff auf die USA zu provozieren. (...) Das war Sinn und Ziel jener Aktivitäten, mit denen Roosevelt den Stoßkeil seiner Flotte seit 1939 über den Atlantik immer weiter nach Osten trieb. Er rechnete damit, die Ausdehnung der amerikanischen Seemacht werde irgendwann mit einer gewissen Zwangsläufigkeit zu bewaffneten Zusammenstößen mit den deutschen Seestreitkräften führen (...). Als der Präsident jedoch 1940/41 sah, dass seine Rechnung nicht aufging, weil Hitler solchen Zwischenfällen bis an die Grenze der Selbstverleugnung auswich, schaltete er allmählich um." (Bavendamm, S. 400 f)

Das Vorgehen gegen Japan war dasselbe wie gegenüber Deutschland. "Der Präsident ging davon aus, nur eine offene Kriegshandlung gegen die Vereinigten Staaten könne seine Landsleute dazu bringen, sich hinter der Fahne zu sammeln. Der Entschluss, den er zusammen mit seinen Beratern fasste, sah vor, die Japaner durch eine Reihe feindseliger Aktionen zu einer solchen offenen Kriegshandlung zu provozieren - zum Überfall auf Pearl Harbour." (Stinnett, S. 12) In Asien konnte diese Strategie mit mehr Erfolg als in Europa angewendet werden, weil man ein unfehlbares Mittel hatte, um Japan in den Krieg zu treiben.

Nachdem die USA im Juli 1941 gemeinsam mit Großbritannien eine wirtschaftliche Quarantäne über das japanische Kaiserreich verhängt hatten, ließ Roosevelt im September die Ölzufuhr blockieren und befahl gleichzeitig die Verstärkung der amerikanischen Luftstreitkräfte auf den Philippinen vor den Toren Japans. Auf diese Weise "schrieben der massive Aufbau der amerikanischen Luftwaffe auf den Philippinen und der rasante Schwund der japanischen Ölreserven den Zeitpunkt für den amerikanisch-japanischen Krieg mit mathematischer Präzision vor: Irgendwann zwischen September 1941 und März 1942 würden die Japaner angreifen, um sich aus diesem doppelten Würgegriff zu befreien." (Bavendamm, S. 406)

Am 7. Dezember 1941 überfielen japanische Flugzeuge die in Pearl Harbour liegenden amerikanischen Kriegsschiffe. Die Kriegsziele Tokios waren begrenzt, da man sich darüber im klaren war, dass man den Gegner nicht unterwerfen konnte. Im Vertrauen auf die verbreitete Kriegsunlust in den Staaten wollte man Washington analog dem russisch-japanischen Seekrieg von 1904 durch schmerzhafte Verluste nur dazu bringen, die von Japan in Anspruch genommene Interessensphäre zu akzeptieren - nicht mehr, aber auch nicht weniger. Der Fehler dabei war, dass man weder mit der Entschlossenheit Roosevelts rechnete, die Herrschaft über beide Ozeane und die Gegenküsten zu erringen, noch mit dem Stimmungsumschwung in der amerikanischen Bevölkerung.

Nach Japan erklärte auch das Deutsche Reich den USA den Krieg. Jetzt musste Washington zwar sowohl in Asien als auch in Europa kämpfen, aber im Unterschied zu ihren Gegnern besaßen die Amerikaner die Ressourcen, um diesen Zweifrontenkrieg siegreich zu bestehen.

4. Unangefochtene Hegemonie

Durch die Vorkriege gegen Polen und Frankreich verdeckt, war der von der NS-Führung geplante Krieg seinem Wesen nach ein kleinbürgerlich-rassistischer Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion zur Eroberung von Lebensraum im Osten mit dem Ziel, die Gesellschaft bäuerlich zu refundieren. Ein Sieg des "Dritten Reichs" hätte die Schaffung eines auf Blut und Boden gegründeten, großgermanischen Agrar-Industriestaats zur Folge gehabt und die gesellschaftliche Entwicklung in ganz Europa zurückgeworfen. Dem gegenüber trug die US-Politik bürgerlich-fortschrittlichen Charakter. Durch die nationalsozialistische Niederlage wurde das zum erheblichen Teil noch vorindustriell geprägte ländliche und städtische Kleinbürgertum geschlagen und gingen mit dem Land Preußen auch die Junker unter. Die unumkehrbare Niederlage der vorbürgerlichen Klassen machte im Kernland Europas, dem Land der "Ungleichzeitigkeiten", endgültig den Weg in die Moderne frei.

Am Ende des Kriegs waren die Vereinigten Staaten die unangefochten führende bürgerliche Macht. Die Klassenkooperation hatte sich im Krieg gefestigt und gab der Weltmachtpolitik den inneren Rückhalt. Ähnlich dem "rheinischen Kapitalismus" Frankreichs und Deutschlands in der Nachkriegszeit organisierte der Staat die "Sozialpartnerschaft" zwischen Kapital und Arbeit, ökonomisch gesteuert durch keynesianische Wirtschaftspolitik und sozialpolitisch fundiert durch den Ausbau des Sozialstaats. Auch die nach Roosevelt kommenden Präsidenten - gleich ob von den "Demokraten" oder den "Republikanern" gestellt -, hielten an der Politik des New Deal fest.

Produktivität und Lebensstandard waren höher, die durchschnittliche industrielle Arbeitszeit niedriger als in allen anderen Ländern. Mehr als die Hälfte der Industrieproduktion der Welt und ein Drittel der Weltproduktion an Gütern aller Art kam aus den Vereinigten Staaten, die außerdem über die Hälfte der Schiffstonnage verfügten.

Von den weltweiten Goldreserven besaßen die USA beinahe zwei Drittel im Wert von 20 Milliarden Dollar. Auf dieser Basis regelte das 1944 vereinbarte System von Bretton Woods mit dem US-Dollar im Zentrum das Verhältnis zwischen den bürgerlichen Ländern währungspolitisch. Während die USA in ihrer Währungs- und Geldpolitik autonom blieben, mussten die anderen Mitglieder des Systems sich zu starren Wechselkursen gegenüber dem Dollar verpflichten und diesen Wechselkurs durch Devisenmarktinterventionen sicherstellen. Als Instrument zur Stabilisierung des Systems wurde der Internationale Währungsfonds (IWF) gegründet. Ebenfalls in diesem Zusammenhang entstand die Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (Weltbank), die heute Kredite für Entwicklungspolitik bereitstellt, außerdem das 1947 vereinbarte GATT (General Agreement on Tariffs and Trade), das unter der Regie der Vereinigten Staaten einen Abbau der nationalen Handelsschranken vorsah.

Jetzt war die US-Administration im Unterschied zu 1918 in der Lage, die Hegemonie über die anderen Mächte auszuüben. Nicht nur war die innere Grundlage vorhanden und der "Isolationismus" überwunden - die europäischen Mächte waren nicht in der Lage, sich zu widersetzen. Die Kolonialmächte England und Frankreich waren geschwächt, Deutschland als Konkurrent ausgeschaltet und im Gegenteil zum willfährigen Bündnispartner geworden. Man hatte also ausgerechnet über den Atlantik hinweg an der "stärkeren" Gegenküste, in der Heimat der ehemaligen europäischen Weltmächte, Fuß gefasst.

Dennoch war der Ausgang des Weltkriegs für die Vereinigten Staaten zwiespältig. Zwar waren sie endgültig zur europäischen Macht geworden und beherrschten den Atlantik. Aber die chinesische Revolution von 1949 sperrte die USA von der pazifischen Festlandküste ab, welche man schon sicher in der Hand geglaubt hatte. "Von der Zeit der amerikanischen Missionen im 19. Jahrhundert an hatten die Vereinigten Staaten sehr viel an kulturellen und psychologischen (weniger finanziellen) Investitionen in dieses große und bevölkerungsreiche Land gesteckt (…). Die Vereinigten Staaten hatten das Gefühl, in China eine 'Mission' zu erfüllen, in einem weiteren als dem religiösen Sinn des Wortes." (Kennedy, S. 568)

Gleichzeitig war die Sowjetunion unabhängig geblieben und sogar gestärkt aus dem Krieg hervor gegangen, wenngleich unter gewaltigen Opfern. Sie besaß die Chance zu einer sozialistischen Entwicklung und hatte ihren Einflussbereich nach Osteuropa ausgedehnt. Da nicht auszuschließen war, dass es in ganz Europa zu sozialistischen Umwälzungen kommen würde, bestand überdies die Gefahr, dass nach der pazifischen auch die atlantische Gegenküste erneut verloren ging. Unter diesen Bedingungen wurde die amerikanische Außenpolitik als "Blockpolitik" betrieben, in der Konfrontation zwischen einem sowjetisch geführten "Ostblock" und dem US-geführten "Westblock".

Im Rückblick wird die damalige Phase der Vorherrschaft über Westeuropa gerne als "gütige" oder "sanfte" Hegemonie verklärt, um sie gegen die gegenwärtige "unilaterale" Politik der US-Administration abzuheben. Tatsache ist, dass die europäischen Bourgeoisien angesichts der sowjetischen Politik keine Alternative hatten. Stalin hatte noch versucht, Deutschland durch das Angebot der Wiedervereinigung unter Beibehaltung der bürgerlichen Gesellschaftsordnung aus dem westlichen Block heraus zu brechen und zu neutralisieren. Dagegen betrieben die nachfolgenden Sowjetführungen eine Politik "Lager gegen Lager" - unter Chruschtschow zunächst noch in der unpolitischen Erwartung, die Lagerkonkurrenz durch den ökonomischen "Wettkampf der Systeme" zu gewinnen, später dann im immer verzweifelteren Bemühen, den wachsenden wirtschaftlichen Abstand durch militärische Hochrüstung auszugleichen. Unter diesen Umständen blieb den bürgerlichen Regierungen Westeuropas gar nichts anderes übrig, als freiwillig unter amerikanischem Schutz zu bleiben.

Währenddessen betrieb Washington weiterhin eine antikoloniale Politik. Als Frankreich und Großbritannien 1956 zusammen mit Israel Ägypten überfielen, um die Kontrolle über den Suez-Kanal zu behalten, zwang die US-Administration sie zum Rückzug. Die öffentliche Demütigung beschleunigte das endgültige Ende der Kolonialherrschaft weltweit. Auf der anderen Seite unterdrückten die USA mit allen Mitteln der Gewalt jeden Versuch, die amerikanische Vorherrschaft abzuschütteln, sei es im Iran 1953 oder in Chile 1973.

III. Die Erosion der Weltmachtstellung

Schon der Korea-Krieg von 1953 war für die USA kein Erfolg, weil an seinem Ende nur die Sicherung des Status quo auf der koreanischen Halbinsel stand, während die europäischen Mächte, voran Deutschland, die Gelegenheit nutzten, um wirtschaftlich aufzuschließen. Wie der Korea-Krieg hatte auch der in den 60er Jahren einsetzende Vietnamkrieg keine "Open-Door-Politik" zwecks Marktöffnung zur Triebkraft, sondern das Bestreben nach Herrschaftssicherung gegenüber der Sowjetunion und China. Die dabei erlittene Niederlage wirkte sich auf alle Bereiche der Gesellschaft aus; die Beziehungen der Klassen änderten sich ebenso wie die Militär-, Wirtschafts- und Außenpolitik.

1. Der Vietnam-Krieg als gesellschaftlicher Wendepunkt

Gesellschaftspolitisch unterminierte der Vietnam-Krieg den "contrat social", der auf dem Boden des "New Deal" das Verhältnis der Klassen und politischen Kräfte zueinander bestimmt hatte. Um die Stabilität der Gesellschaft und den Rückhalt für den Krieg zu festigen, hatte Kennedys Nachfolger, der amerikanische Präsident Johnson (1963 bis 1968), unter dem Begriff der "Great society" einen umfassenden Ausbau des Sozialstaats geplant. Er weitete jedoch gleichzeitig den Krieg in Indochina derart umfassend aus, dass sein Sozialprogramm nicht zu finanzieren war. Obwohl es noch eine Zeitlang dauerte, bis die Ära des New Deal definitiv zu Ende ging, war damit der Anfang vom Ende gekommen.

Allerdings war es nicht die Arbeiterschaft, die den Klassenkompromiss aufkündigte und die Beendigung des Vietnam-Kriegs erzwang. Von den wohltätigen Wirkungen geöffneter Außenmärkte überzeugt, an die Kooperation mit der Bourgeoisie gewöhnt und stark antikommunistisch beeinflusst, blieb die Masse der Arbeiter vom sozialen Konsens ebenso überzeugt wie von der Kriegspolitik der eigenen Regierung. Erst als die Söhne der städtischen weißen Mittelschichten sich in der Studenten- und Antikriegsbewegung engagierten und gleichzeitig die schwarzen Unterschichten, bis dahin ein willfähriges Reservoir für die Army, durch die Black-Power-Bewegung mobilisiert wurden, war der Krieg nicht länger zu führen.

Militärpolitisch hatte die Niederlage die Abschaffung der Wehrpflichtarmee zur Folge. Mit dem modernen, dem New-Deal-Amerika entstanden und auf der Verbindung der bewaffneten Macht mit der Gesellschaft beruhend, war diese Wehrpflichtarmee nur auf dem Boden eines allgemeinen Klassenkonsenses einsetzbar. In einem Konflikt wie dem in Indochina nicht kriegsführungstauglich, wurde sie durch eine von den Massen abgelöste Söldnerarmee ersetzt.

Wirtschaftspolitisch führte der Vietnam-Krieg zum Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems und läutete mit dem Ende der keynesianischen Wirtschaftspolitik die Entwicklung zum "Neoliberalismus" ein. 1971 musste die US-Administration die Golddeckung des Dollars aussetzen. Zwar vereinbarten die führenden Industrienationen zum Ausgleich ein System fester Wechselkurse, aber 1973 endete auch dies. Von da an waren die nationalen Währungen frei konvertierbar und den Spekulationen der Finanzmärkte ausgesetzt. Zur gleichen Zeit wurden in Deutschland, der Schweiz, den USA und Kanada die Kapitalverkehrsbeschränkungen weitgehend aufgehoben; Ende der 70er Jahre folgten Großbritannien und Japan.

Damit war das Finanzkapital von der Leine gelassen, an der es bis dahin durch staatliche Fesseln gelegen hatte. "Im System von Bretton Woods wurde versucht, private Finanzinteressen dem gesellschaftlichen Interesse an einer stabilen gesamtwirtschaftlichen Entwicklung unterzuordnen. Die Liberalisierung der internationalen Finanzmärkte seit Beginn der 1970er Jahre diente nicht in erster Linie der Steigerung der ökonomischen Effizienz, sondern reflektierte vor allem den gewachsenen politischen Einfluss des Finanzsektors und ein abnehmendes Interesse an einer stetigen gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. (...) Von den schwankenden Wechselkursen seit 1971 hat die Finanzwirtschaft profitiert, während die reale Ökonomie unter volatilen Wechselkursen immer wieder gelitten hat." (Dieter 2005, S. 32 f; volatil = beweglich, flatterhaft) Bald übertraf der Handel mit Devisen den Handel mit industriellen Gütern um ein Vielfaches; 1995 betrug das Verhältnis von Devisen- zu Warenhandel 70 zu 1. (Dieter, S. 34)

Als die OPEC 1973 die Ölförderung einschränkte und ein Embargo gegen die USA und die Niederlande verhängte, um die arabischen Staaten im Oktoberkrieg gegen Israel zu unterstützen, vervierfachte sich der Ölpreis binnen kurzem. Wenig später kam es zu einer kräftigen Rezession, und im Gefolge dieses ersten größeren Wirtschaftseinbruchs der Nachkriegszeit gewannen "neoliberale" Wirtschaftstheorien an Einfluss. "Bei den die staatliche Wirtschaftspolitik maßgeblich beeinflussenden Theorien ist seit der Stagnationskrise der 1970er Jahre ein Paradigmenwechsel festzustellen, gemeinhin umschrieben als der Wechsel vom Keynesianismus zum Neoliberalismus bzw. Monetarismus." (Biermann/Klönne, S. 17). In den 80er Jahren konnte der amerikanische Präsident Ronald Reagan dann mit dem Übergang zum "Monetarismus" auch offiziell das Ende der New-Deal-Ära verkünden.

2. Das Ende des Produktivitätsvorsprungs

In den Nachkriegsjahrzehnten büßte die amerikanische Wirtschaft ihren Produktivitätsvorsprung allmählich ein (zur Entwicklung insgesamt: Johnson), am deutlichsten sichtbar in dem Industriezweig, der das führende Konsumgut der Weltwirtschaft herstellt, der Automobilindustrie. Schon in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatten die Wettbewerber aus Europa und Japan gegenüber Nordamerika aufgeholt, aber durch protektionistische Entscheidungen wurde die ausländische Konkurrenz eingegrenzt. Seither "sind weniger Maßnahmen zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit als handelspolitische Maßnahmen dafür verantwortlich, dass die amerikanische Industrie dem internationalen Wettbewerb bis zu einem gewissen Grade standhalten konnte." (Dieter, S.263) Mittlerweile ist die Krise der heimischen Automobilindustrie nicht mehr aufzuhalten, und die Frage ist nur, welches Ausmaß sie annehmen wird.

Zu diesem Bild gehört auch der im Vergleich mit anderen Ländern verschwenderisch hohe Energieverbrauch. "Der deutlich höhere Energieaufwand pro Einheit des Bruttosozialprodukts und insbesondere der hohe Energieverbrauch der US-Industrie zeigen, dass die US-Wirtschaft in den traditionellen industriellen Kernbereichen technologisch hinter anderen entwickelten Volkswirtschaften zurück geblieben ist." (Martin Schlegel: Zur Rolle des Öls im Konflikt zwischen den USA und dem Irak; in: http://www.kommunistische-debatte.de/kapital/erdoel2003.html)

Während der Produktivitätsvorsprung dahin schwand, stieg gleichzeitig die Zuwanderung an. Waren die USA früher gegenüber Europa in der Produktivkraftentwicklung führend, weil zu wenig lebendige bzw. qualifizierte Arbeit zur Verfügung stand, so kehrte sich das Verhältnis langsam um. In der Entwicklung der Arbeitszeit schlug sich die gegenläufige Entwicklung nieder. "Arbeitszeit und Produktivität stehen nämlich in einem interessanten Verhältnis, das man übertrieben als reziprok bezeichnen könnte". (Wolfram Fischer: Wirtschaftswachstum, Technologie und Arbeitszeit von 1945 bis zur Gegenwart; in: Fischer 1998, S. 230; die zugrunde liegenden Zusammenhänge sind seit 1867 im Marxschen Kapital nachzulesen) Lag die wöchentliche Arbeitszeit eines us-amerikanischen Industriearbeiters 1950 bei 40,5 Stunden und ist seither kaum gesunken, so ist sie in Japan und den europäischen Ländern unter 40 Stunden zurück gegangen und liegt insbesondere bei Einbeziehung der Urlaubsansprüche erheblich unter amerikanischen Verhältnissen.

Nur auf den ersten Blick widerspricht die geringe Arbeitslosigkeit in den Staaten diesen Feststellungen. Die hohe Beschäftigungsquote rührt nicht daher, dass die US-Wirtschaft alle verfügbare lebendige Arbeit einsaugt, weil sie aufgrund ihrer Überlegenheit den konkurrierenden Ländern davon läuft, sondern beruht auf einer überproportionalen Aufblähung des Dienstleistungssektors. Die Nachfrage nach einfacher Arbeit ist hoch, weil die Löhne der millionenfach aus Lateinamerika und Asien hereingeströmten Zuwanderer so niedrig sind, dass keine Mechanisierung sich lohnt - eher verdrängt hier der Arbeiter die Maschine als umgekehrt.

Führend sind die Vereinigten Staaten weiterhin u. a. im Bereich der Hochtechnologie. Mitursächlich dafür sind militärische Gründe. Bereits der Aufstieg des "Silicon Valley" zur Heimstatt der amerikanischen Computerindustrie war großenteils Rüstungsaufträgen zu verdanken. Neben der Computerindustrie basiert auch die Luft- und Raumfahrt auf den gewaltigen Rüstungsausgaben der Regierung. "Alimentiert werden vor allem die Rüstungsindustrie und die Landwirtschaft. Die Rüstungswirtschaft bildet dabei die Basis der gesamten Luft- und Raumfahrtindustrie in den USA". (Michael Hennes, Der neue militärisch-industrielle Komplex in den USA; in: APuZ 46/2003, S. 46)

In seiner Amtszeit versuchte der amerikanische Präsident Clinton (1993 bis 2001), eine Politik der ökonomischen und gesellschaftlichen Modernisierung zu betreiben. Unter der Devise "The economy, stupid" war er "der erste Präsident, der die Interessen der USA im Zeichen der Globalisierung primär ökonomisch zu verwirklichen suchte." (Hacke, S. 610) Als "Friedensdividende" nach dem Untergang der UdSSR sank der Verteidigungshaushalt, und mit den frei werdenden Geldern sollte u. a. die Einführung einer allgemeinen Krankenversicherung finanziert werden. Davon hätte vor allem die Großindustrie profitiert. Tariflich von den hier immer noch starken Gewerkschaften gezwungen, muss sie die Alters- und Krankenversicherung ihrer Beschäftigten betrieblich finanzieren, was in Anbetracht der großen Zahl der "Pensionäre" eine erhebliche Belastung darstellt. Von einem Teil dieser Last sollte sie befreit werden, um Spielraum für die Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit zu gewinnen. Wie zu Zeiten des New Deal wäre damit zugleich das Band zwischen Bourgeoisie und Arbeiterschaft neu gefestigt worden. Von großen Teilen des Finanzkapitals mit den privaten Versicherungsgesellschaften an der Spitze heftig bekämpft, ließen sich indes im Kongress keine Mehrheiten für diese Politik gewinnen. Clinton scheiterte mit dem wichtigsten Reformpunkt seiner Regierungszeit.

Erfolg hatte seine Administration nur beim Abbau des staatlichen Haushaltsdefizits, das sogar in einen Überschuss verwandelt werden konnte. Aber nicht einmal dies stieß auf ungeteilte Anerkennung, denn "konservative Kritiker werfen ihm (Bill Clinton; d. V.) vor, er hätte Amerikas militärische Stärke auf Spiel gesetzt" (Hacke, S. 610). Auf der anderen Seite vermochte auch der Abbau der Regierungsschulden nichts daran zu ändern, dass die Verschuldung der USA zunahm; "die mangelnde Konkurrenzfähigkeit der amerikanischen Industrie (ist) eine wichtige Ursache des Handelsbilanzdefizits". (Dieter, S. 243)

3. Übergang zur Balancepolitik

Außenpolitisch hatte die Niederlage in Vietnam den Übergang zu einer Gleichgewichtspolitik zur Konsequenz. Die Regierung Nixon/Kissinger akzeptierte die Sowjetunion als gleichrangige Supermacht und begann, Rüstungsvereinbarungen mit ihr zu treffen. Gleichzeitig erkannte sie die Volksrepublik China diplomatisch an, um angesichts der zeitweisen eigenen Schwächung über ein zusätzliches Gegengewicht gegen Moskau zu verfügen. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Balancepolitik je nach politischer Konjunktur und persönlicher Neigung der Präsidenten in unterschiedlichen Ausprägungen praktiziert. Jimmy Carter (1977 bis 1981) kaprizierte sich auf die Menschenrechtspolitik, um den Ostblock von innen heraus zu destabilisieren. Als die USA sich von Vietnam wieder erholt hatten, während die Sowjetunion sich ab 1979 in Afghanistan verstrickte, fror sein Nachfolger Ronald Reagan (1981 bis 1989) die Beziehungen zu der anderen Supermacht ein und nutzte die Gelegenheit, um den Gegner tot zu rüsten. Im Grundsatz blieb die Gleichgewichtspolitik jedoch für fast 30 Jahre Richtschnur der amerikanischen Außenpolitik, bis sie kurz nach dem Übergang ins 21. Jahrhundert durch eine andere Politik ersetzt wurde.

Als Stützpfeiler der Hegemonie über den Westen blieb der Dollar als internationale Leitwährung erhalten, obwohl er durch den Vietnam Krieg um 40 % abgewertet werden musste. Allerdings musste sich die US-Regierung durch die Auflösung des Systems von Bretton Woods und das wirtschaftliche Zurückbleiben des Landes "mit einer fühlbaren Schwächung der finanziellen Möglichkeiten (abfinden), die sie zur Unterstützung ihrer Weltmachtpolitik einsetzen konnte". Zum Ausgleich ging Washington dazu über, "seine militärisch-technische Überlegenheit gegenüber dem sowjetischen Hauptgegner und im Verhältnis zu den Verbündeten politisch voll zur Geltung zu bringen. Hatten die USA in den zwanziger Jahren gehofft, ihre militärische Schwäche und politische Isolation mit wirtschaftlich-finanziellen Mitteln kompensieren zu können, so diente seit den siebziger Jahren bis zur Wende von 1989 die sicherheitspolitische Führungsstellung, welche die USA in Europa weiter besaßen, dem Zweck, ihre geschundene Wirtschaftskraft auszugleichen und damit bei den Verbündeten weitere finanzielle Konzessionen durchzusetzen." (Schwalbe, S. 376 f)

Auf der Basis eines breiten gesellschaftlichen Konsenses hatte der Sieg im Zweiten Weltkrieg die bis dahin vorhandene Schere geschlossen und ökonomische Stärke, militärische Macht und politische Dominanz zur Deckung gebracht. Mit dem Vietnam-Krieg als Katalysator begann sich etwa zwei Jahrzehnte später eine umgekehrte Schere zwischen Weltmachtpolitik und materieller Basis, militärischem Apparat und gesellschaftlicher Verankerung aufzutun. Diese Schere ging nicht gleichmäßig auseinander, sondern im Auf und Ab der ökonomischen und politischen Konjunktur, u. a. unterbrochen von der Auflösung der Sowjetunion, öffnete sich insgesamt aber immer weiter.

Neben Vietnam mussten die Vereinigten Staaten in den 70er Jahren weitere Niederlagen einstecken. Unter Ausnutzung ihrer weltpolitischen Schwächung führten Ägypten und Syrien 1973 den Oktoberkrieg (Jom-Kippur-Krieg) gegen Israel, um die Golan-Höhen und den Sinai zurück zu gewinnen. Als die OPEC zu ihrer Unterstützung das Erdöl als Waffe einsetzte und ein Embargo verhängte, vervierfachte sich der Ölpreis, ohne dass es Washington in der Folgezeit gelang, die OPEC wieder unter Kontrolle zu bringen.

1979 schließlich stürzte das iranische Schah-Regime, bis dahin der Stellvertreter der USA am Golf. Das bedeutete einen schweren Schlag für die Stellung ausgerechnet im Nahen Osten, der sich mit seinen gewaltigen Erdöl-Lagerstätten mehr und mehr zum Brennpunkt der internationalen Beziehungen entwickelte. Seither besteht eines der Kernprobleme der US-amerikanischen Weltpolitik darin, in dieser Schlüsselregion die eigene Dominanz zu sichern.

Darüber hinaus trat in Teheran ein neuer Gegner auf den Plan, der nicht minder furchtbar war als der Vietcong wenige Jahre zuvor. Er verkörperte eine ungeahnte Volte der Geschichte. Seit dem Oktober 1917 hatten die Revolutionen sich in der ein oder anderen Form auf den Marxismus berufen, aber ihre Siege entgegen der Marxschen Theorie auf dem Land erfochten, getragen von aufständischen Bauern. Zuletzt war noch der Sieg im vietnamesischen Volkskrieg so errungen worden. Dagegen agierte die Revolution im Iran nicht mehr unter dem Banner des Sozialismus, sondern unter dem der Religion, und angeführt wurde sie nicht von einer kommunistischen Partei, sondern von muslimischen Geistlichen. Aber der Sieg fiel ihr nicht auf dem Land zu, sondern in der Stadt. Als die Millionenmassen der Armen und Entrechteten aus den Vorstädten Teherans aufbegehrten, wurde das Schah-Regime hinweggefegt. Mit der iranischen Revolution kehrte die Revolution also in die Stadt zurück, getragen von einer islamistischen Bewegung, die seither zum Alptraum Washingtons geworden ist.

4. Balancepolitik ohne die Sowjetunion

Als sich 1991 zuerst der Warschauer Pakt und anschließend die Sowjetunion auflöste, schien keine Macht davon so zu profitieren wie die USA. Sie konnten ihren Einfluss als einzig verbliebene Weltmacht jetzt auch über die Länder des vormaligen "Ostblocks" ausdehnen. Langfristig wirkten sich die Veränderungen jedoch gegen Washington aus, denn der Wegfall des Blockgegensatzes beseitigte den Zwang zum Zusammenhalt im westlichen Bündnis und vergrößerte die Handlungsspielräume für alle Staaten. In seinem 1997 erschienenen Buch "Die einzige Weltmacht - Amerikas Strategie der Vorherrschaft" formulierte der amerikanische Sicherheitsberater Brzezinski eine Antwort auf die neuen Herausforderungen.

Er sah die USA wirtschaftlich (mit etwa 30 % der weltweiten Industrieproduktion), technologisch (Informationstechnologien) und kulturell, vor allem aber militärisch allen anderen Staaten überlegen. Vor diesem Hintergrund war das von ihm selbstverständlich benannte Ziel, "die beherrschende Stellung Amerikas für noch mindestens eine Generation und vorzugsweise länger zu bewahren" (Brzezinski, S. 306). Um dies zu erreichen, berief er sich auf "die drei großen Imperative imperialer Großstrategie: Absprachen zwischen den Vasallen zu verhindern und ihre Abhängigkeit in Fragen der Sicherheit zu bewahren, die tributpflichtigen Staaten fügsam zu halten und zu schützen und dafür zu sorgen, dass die 'Barbaren'völker sich nicht zusammenschließen." (Brzezinski, S. 65 f)

Kernpunkt der von ihm vorgeschlagenen Strategie war die Fortsetzung der von Kissinger und Nixon entworfenen Balancepolitik unter neuen Bedingungen, d. h. ohne den Gegenpol Sowjetunion. Die nachgeordneten Staaten oder Staatengruppen sollten in einem Geflecht wechselseitiger Abhängigkeit gehalten und regional austariert werden. Die USA als Lenkungsmacht im Zentrum hatten die Aufgabe, das internationale Kräftefeld im Gleichgewicht zu halten. Das bedeutete, je nach Bedarf mal die eine, mal die andere Seite zu unterstützen, um keine unabhängigen Mächte und erst recht keinen konkurrierenden Gegenspieler aufkommen zu lassen. Zu dieser Strategie gehörten auch militärische Einsätze, aber nur als letztes Mittel, wenn das Gleichgewicht mit anderen Mitteln nicht zu gewährleisten war.

Der von Brzezinski umrissenen Politik waren die USA bereits im ersten Golfkrieg, dem Krieg zwischen Iran und Irak von 1982 bis 1988, gefolgt. Nachdem sie zuerst den Irak zum Angriff auf den Iran ermuntert hatten, unterstützten sie anschließend je nach militärischer Entwicklung mal die eine, mal die andere Seite, bis beide Gegner erschöpft waren. (vgl. Münkler 2003, S. 72) "Ein militärisches Patt zwischen Iran und Irak lag im geheimen Interesse der USA." (Hacke, S. 373) Auch der zweite Golfkrieg, den die USA unter Bush senior 1990/91 gegen den Irak führten, folgte dieser Strategie. Der durch die Eroberung Kuwaits drohende Aufstieg des Irak zur gesamtarabischen Führungsmacht wurde unterbunden, aber mehr nicht. Die von den USA geführten Truppen marschierten nicht nach Bagdad weiter, um ein neues Regime zu installieren, sondern ließen Saddam Hussein als Gegengewicht gegen Teheran im Amt.

Geopolitisch stand und steht Eurasien im Zentrum des amerikanischen Interesses, denn hier konzentrieren sich die weltweiten Ressourcen und die potentiellen Konkurrenten. "Folglich muss die amerikanische Außenpolitik (...) ihren Einfluss in Eurasien so einsetzen, dass ein stabiles kontinentales Gleichgewicht mit den Vereinigten Staaten als politischem Schiedsrichter entsteht." (Brzezinski, S. 16) Europa war hierbei nicht mehr vorrangiger Partner, sondern einer von mehreren Mitspielern, wie Russland oder China auch. Um Russland auszubalancieren, plädierte Brzezinski für eine "eurasische Koalition" mit der Türkei, dem Iran (!) und China. Ausdrücklich merkte er zum Iran an, dass es "nicht in Amerikas Interesse (liege), die amerikanische Feindschaft fortzuschreiben" (Brzezinski, S. 291).

Gegenüber den inneren Zuständen der Staaten war diese Politik neutral. Brzezinski wandte sich explizit gegen die Dämonisierung anderer Länder als "Schurkenstaaten" (Brzezinski, S. 292, Anm. 35). Vorrang hatte die Erhaltung weltweiter Stabilität, unabhängig davon, wie die beteiligten Staaten regiert wurden. Deshalb verurteilte er alle Vorschläge, die Demokratisierung anderer Staaten zu einem Ziel der Außenpolitik zu machen. (Brzezinski, S. 305) Weder ökonomisch noch politisch folgte diese Strategie einer übergeordneten Leitidee; sie hatte weder die Öffnung äußerer Märkte noch die Durchsetzung demokratischer Verhältnisse zum Ziel, sondern war eine reine Machtpolitik.

Bei der Verwirklichung der vorgeschlagenen Politik sollte eine reformierte UNO eine wichtige Rolle spielen. Es galt, "einen geopolitischen Rahmen zu schaffen, der die mit sozialen und politischen Veränderungen unvermeidlich einhergehenden Erschütterungen und Belastungen dämpfen und sich zum geopolitischen Zentrum gemeinsamer Verantwortung für eine friedliche Weltherrschaft entwickeln kann. Eine von Amerika sowohl angeregte als auch vermittelte längere Phase allmählich sich ausdehnender Kooperation mit wichtigen eurasischen Partnern kann außerdem helfen, die Voraussetzungen für eine Aufwertung der bestehenden und zunehmend veralteten UN-Strukturen zu verbessern." (Brzezinski, S. 306) Dazu gehörte insbesondere die Umgestaltung des UN-Sicherheitsrats, in dem künftig die wichtigsten Regionalmächte vertreten sein sollten, um unter der Regie Washingtons für die Aufrechterhaltung des internationalen Gleichgewichts zu sorgen.

Zu den künftigen Mitgliedern dieses neuen Sicherheitsrats sollte auch das wiedervereinigte Deutschland gehören. Daraus resultierten die deutschen Bemühungen um einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat, die zum Gespött der Welt noch immer verfolgt wurden, als die US-Politik längst von der zugrunde liegenden Geostrategie Abschied genommen hatte.

Im Innern war diese Gleichgewichtspolitik Bedingung für den Versuch einer ökonomisch-sozialen Modernisierung unter der Regierung Clinton, weil Mittel frei gesetzt wurden, die vorher in die Rüstung geflossen waren. Beide Politiken gehörten bis zum Schluss zusammen. Zuerst scheiterte die innere Politiklinie, wenig später die äußere.

IV. Kontrolle der Energieversorgung als neue Basis der Vorherrschaft

Die entspannende Wirkung des Wegfalls der Blöcke hielt nur wenige Jahre an, dann machten sich die negativen Folgen für die Stellung der USA immer stärker bemerkbar. Bereits einige Jahre vor dem Politikwechsel unter Bush junior wurde daher nach Alternativen zur Balancepolitik gesucht.

1. Ein gordischer Knoten

Nach dem Verschwinden der Blöcke begannen sich die größeren und kleineren Mächte noch im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts neu zu positionieren. Der Zerfall Jugoslawiens brachte die EU-Staaten zunächst gegeneinander auf, bevor sie sich um eine Verstärkung ihrer Zusammenarbeit bemühten, um nicht noch einmal wie auf dem Balkan von den USA vorgeführt zu werden. Russland konsolidierte sich nach Auflösung der UdSSR allmählich und machte seine Interessen als eurasische Großmacht zunehmend wieder nach außen geltend. Aufbauend auf der Ostpolitik der vergangenen Jahrzehnte, verstärkte das vereinigte Deutschland seine Zusammenarbeit mit Russland und verminderte die Abhängigkeit von den USA. Die sprunghafte Entwicklung des Kapitalismus in China ließ den Zeitpunkt näher rücken, an dem das Land die Vormacht Asiens sein würde und für die USA keinen Platz mehr ließe.

Gleichzeitig kristallisierte sich die zentrale Rolle des Erdöls und damit des Nahen Ostens immer deutlicher heraus. Nicht nur die amerikanische Wirtschaft wurde zunehmend davon abhängig, ebenso erging es den anderen Volkswirtschaften bis auf Russland, das über genügend eigene Ressourcen verfügt. In den 90er Jahren geriet daher der Transkaukasus mit seinen Ölquellen in das amerikanische Blickfeld. Aber alles Engagement in der kaspischen Region änderte nichts daran, dass die dortigen Energievorkommen lange nicht so ergiebig sind wie die des Nahen Ostens und davon abgesehen auch der russische Einfluss aufgrund der regionalen Nähe und historischen Beziehungen kaum zu eliminieren ist.

Um so mehr machte sich bemerkbar, dass die USA über keinen tauglichen Satrapen im Nahen Osten mehr verfügten und ihre Stellung dort auf Treibsand gebaut war. Saudi-Arabien besitzt viel Erdöl, ist aber zu schwach und instabil. Ägypten hat zu wenig Erdöl, ist ebenfalls nicht stabil und außerdem wegen des Friedensschlusses mit Israel unter den arabischen Ländern isoliert. Mit dem Iran konnte man sich theoretisch zwar versöhnen, wie Brzezinski das vorgeschlagen hatte, aber freiwillig würde das Land nie wieder als Handlanger der USA agieren. Die einzige Macht, auf die man sich verlassen konnte, war Israel, aber dieser Staat ist aufgrund seiner fortgesetzten Siedlungspolitik gegen die palästinensischen Araber weniger als jeder andere zu einer subhegemonialen Rolle am Golf geeignet.

Hinzu kam, dass die nach dem Irak-Krieg 1991 erfolgte Stationierung amerikanischer Truppen auf der arabischen Halbinsel von den Muslimen als Demütigung des Islam und Besetzung der arabischen Welt erfahren wurde. Die Feindseligkeit gegen die USA nahm von Jahr zu Jahr zu. (Münkler S. 38) Gleichzeitig konsolidierte der soeben besiegte Irak seine Stellung unter Saddam Hussein erneut; es zeichnete sich ab, dass weder die von der UNO beschlossenen Sanktionen noch die einseitig von den USA und Großbritannien verhängten Flugverbotszonen dauerhaft aufrecht zu erhalten waren. Die nahende Aufhebung der Wirtschaftssanktionen, das Auslaufen des Waffenembargos und der lauter werdende Ruf nach einem Rückzug der amerikanischen Truppen aus Arabien - all das hätte aber "zur Folge gehabt, dass Saddam Hussein in der arabischen Welt als Sieger und Bezwinger der amerikanischen Weltmacht gegolten hätte, dass er seine Hegemonialpolitik, die er seit 1980 in zwei Kriegen verfolgt hat, wieder hätte aufnehmen und sich dabei auf eine Reputation bei den arabischen Massen hätte stützen können, die ihm wahrscheinlich binnen kürzester Zeit eine grundlegende Veränderung der Machtverhältnisse in der arabischen Welt ermöglicht hätte." (Münkler 2003, S. 112)

Mit anderen Worten: die Entwicklungen am Golf mit dem Irak im Zentrum schürzten sich zu einem gordischen Knoten, der mit den Mitteln der Politik nicht zu entwirren war, jedenfalls nicht zu Gunsten Washingtons. Wenn aber die Politik keinen Ausweg fand - warum sollte man den Knoten dann nicht mit dem Schwert durchschlagen, um sämtliche Probleme auf einen Streich zu lösen und die wankende Stellung am Golf von Grund auf neu zu befestigen? Das bedeutete, die bisherige Außenpolitik aufzugeben und zu einer vom Ansatz her anderen Strategie überzugehen.

2. Übergang zu einer Politik des Kriegs

Schon während Brzezinski 1997 seine geostrategischen Ratschläge veröffentlichte, wurde in den USA eine Grundsatzdebatte über die Außenpolitik geführt. Ausgangspunkt war die Kritik, dass die Rolle einer Feuerwehr bei Störungen des internationalen Gleichgewichts nicht hinreichte, um die eigene Vormacht langfristig zu sichern, und die Balancepolitik mehr den heranwachsenden Konkurrenten nutzte als dem eigenen Land. Zu dieser Debatte gehörte, dass die Streitkräfte vor wenigen Jahren einen überzeugenden Sieg gegen die irakische Armee errungen hatten und das Vietnam-Trauma überwunden war. Nirgends war die eigene Überlegenheit so groß wie auf militärischem Gebiet. "Gegen Ende der 90er Jahre dürfte sich in den USA die Erkenntnis durchgesetzt haben, dass sich aus ihrem gewaltigen Militärapparat ein permanenter politischer Mehrwert ziehen lässt und dass dieser Mehrwert vor allem darin besteht, verbindlich festzulegen, welche Rolle wirtschaftliche Stärke, kulturelle Attraktivität und ähnliche Faktoren auf der internationalen Bühne spielen dürfen". (Münkler 2003, S. 147 f.)

Geführt wurde die Debatte hauptsächlich von den damals oppositionellen Republikanern mit den "Neokonservativen" an der Spitze; aber auch in den Reihen der Demokraten verbreitete sich das Unbehagen an der bisherigen Außenpolitik. "Die Tendenz zu unilateralem Handeln ist aber keineswegs eine Erfindung der Regierung George W. Bush, sondern zeichnete sich bereits während der zweiten Präsidentschaft von Bill Clinton ab." (Dieter, S. 451) Schon die letzten Jahre der Regierung Clinton sahen wieder einen Anstieg der Rüstungsausgaben sowie ein einseitiges militärisches Vorgehen wie z. B. in den illegal verhängten Flugverbotszonen im Irak.

Die Attentate vom 11. September 2001 gaben nur den letzten Anstoß, sich von einer Politik zu verabschieden, die immer weniger Rückhalt fand. Bis dahin hatte der soeben gewählte Präsident Bush jr. die Gleichgewichtspolitik seiner Vorgänger fortgesetzt; ja er hatte seinen Wahlkampf sogar mit der Forderung nach einer Verringerung des Engagements der USA im Ausland bestritten. Jetzt verkündete derselbe Präsident unter der Parole des Kriegs gegen den Terror einen grundlegenden Strategiewechsel, der seither mehrfach vertieft und bekräftigt wurde (Nationale Sicherheitsstrategie vom September 2002 und März 2006, Forward strategy for freedom, November 2003). Die neue Strategie fußte auf mehreren Pfeilern:

Der Wechsel bedeutete nicht einfach nur den Übergang von einer Außenpolitik zur andern, sondern den Übergang von der Politik zum Krieg. Der ausgerufene "war on terrorism" stellt Regierung und Gesellschaft unter das Gesetz des Kriegs, er verändert neben der Außen- und Militärpolitik die Innenpolitik, Wirtschaft und Finanzen. International werden alle Staaten vor die Wahl gestellt, sich auf die Seite der USA zu stellen - oder als Feind behandelt zu werden: "Wir werden die Staaten verfolgen, die dem Terrorismus Hilfe zur Verfügung stellen oder ihm einen sicheren Hafen bieten. Jedes Land in jeder Region muss sich jetzt entscheiden - entweder es steht an unserer Seite oder an der Seite der Terroristen." (Ansprache des US-Präsidenten am 20. September 2001 vor dem Kongress). Innenpolitisch verfügte der Patriot Act im Namen der nationalen Sicherheit eine bis dahin unvorstellbare Einschränkung der Bürgerrechte, die bei "Terrorverdächtigen" bis zur vollständigen Entrechtung geht. Faktisch stellte die Regierung das ganze Land unter den permanenten, bis heute andauernden Ausnahmezustand.

Im geographischen Zentrum dieser Politik steht der Nahe Osten. Mit seinem Reichtum an Erdöl das weltweite Zentrum der Energieversorgung, hat er nach Einschätzung der US-Administration die Rolle übernommen, die Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gespielt hat - "die des Austragungsortes weltpolitisch umstrittener Fragen und offener Probleme, auf dem zugleich entschieden wurde, wie die für die nächsten Jahrzehnte vorherrschende Ordnung aussehen sollte." (Münkler 2003, S. 77). Wer die Ölquellen des Nahen Ostens und die davon ausgehenden Versorgungswege beherrscht, bringt alle anderen Mächte, die auf diesen Energieträger angewiesen sind, in seine Abhängigkeit. Das Ziel, "die beherrschende Stellung Amerikas für noch mindestens eine Generation und vorzugsweise länger zu bewahren", das durch die Fortsetzung der Balancepolitik nicht länger realisierbar erschien, sollte jetzt durch die uneingeschränkte Herrschaft über das Erdöl, d. h. durch eine Spielart des Rohstoffimperialismus, erreicht werden.

In welchem Ausmaß der neue Politikentwurf nach der Jahrhundertwende als Ausweg aus der zunehmenden Unterminierung der amerikanischen Vormachtstellung begriffen wurde, zeigt die fehlende Opposition bei den "Demokraten". Die von der Cheney-Bush-Regierung vorgenommene Neuorientierung fand eine breite Mehrheit im Kongress, sei es bei den äußeren, militärischen Maßnahmen, sei es bei der Beschneidung der Bürgerrechte. Weder außen- noch innenpolitisch war ein ernsthaftes Gegenprogramm zu erkennen. Die Politik der Administration konnte sich auf einen breiten Konsens in der amerikanischen Bourgeoisie stützen.

Der Krieg gegen Afghanistan zum Sturz des Taliban-Regimes im Oktober 2001 stand an der Schwelle der neuen Geostrategie. Einerseits noch halb von der UNO gebilligt, diente er auf der anderen Seite als Vorbereitungskrieg für die Eroberung des Irak. Dort wurde in einem mit absoluter militärischer Überlegenheit geführten, kurzen Feldzug von März bis April 2003 die Herrschaft der weltlichen Baath-Partei mit Saddam Hussein an der Spitze gestürzt, bis dahin ein Bollwerk gegen den islamischen Fundamentalismus und Terrorismus. An seine Stelle trat ein Quisling-Regime, welches als Handlanger der US-Politik und Hebel für die Umgestaltung der ganzen Region dienen sollte. Als Vorwand für den Krieg diente der angebliche Besitz von Massenvernichtungswaffen, gestützt auf Beweise, deren Fadenscheinigkeit nur von der Dreistigkeit ihrer Nutznießer überboten wurde.

Große Teile der Linken vertreten die Auffassung, wonach der Irakkrieg von den USA im Interesse bzw. im Auftrag des "globalen Kapitals" bzw. "des" Imperialismus geführt wurde. Ob dies wie in der DKP mit der Theorie des "kollektiven Imperialismus" begründet wird, oder wie von Robert Kurz mit dem Begriff des "gemeinsamen ideellen Gesamtimperialismus" - in jedem Fall negiert diese Theorie, dass der Irak-Krieg seinem Wesen nach ein Hegemonialkrieg zur Festigung der Oberherrschaft war, den die USA zwar gegen das Zweistromland führten, der sich aber vor allem gegen die potentiell konkurrierenden Mächte richtete.

3. Eine gescheiterte "Strategie der Freiheit"

Einige Monate nach dem Sieg über Saddam Hussein machte die US-Administration einen weiteren Schritt nach vorn. Aufbauend auf der Nationalen Sicherheitsstrategie von 2002 proklamierte Bush jr. am 6. November 2003 unter dem Begriff der Greater Middle East Initiative eine neue Strategie der Freiheit, die unter der Parole der Demokratisierung und Modernisierung auf die Umgestaltung der Großregion zielte - neben den arabischen Staaten wurden Afghanistan, Pakistan, Iran und die Türkei als Objekte für einen Regimewandel genannt.

Auf der arabischen Halbinsel richtete sich diese Strategie gegen die überkommene Stammesherrschaft in Saudi-Arabien, Jordanien und den kleinen Scheichtümern am Golf, aber auch gegen die Überreste des "arabischen Sozialismus" in Ägypten. In diesen Staaten werden die traditionellen Gesellschaftsstrukturen durch die Entwicklung des Kapitalismus untergraben, mit dem Resultat, dass die Herrschaftsformen instabil werden. Die Regimes halten sich trotzdem im Sattel, indem sie entweder keine Wahlen zulassen, wie in Saudi-Arabien und den Golfscheichtümern, oder die Wahlergebnisse notorisch fälschen, wie in Ägypten.

Würde man der Entwicklung freien Lauf lassen, bestünde die Gefahr, dass islamisch-revolutionäre Bewegungen eines Tages an die Macht gelangen und die USA ihren Einfluss endgültig verlieren. Das war die Lehre aus der islamischen Revolution von 1979 im Iran, als die eigene Position vollständig unterging, weil man bis zuletzt am Schah-Regime festgehalten hatte. Um es diesmal besser zu machen, wollte man sich nun an die Spitze der Entwicklung setzen und diese in US-genehme Bahnen lenken. Die "Strategie der Freiheit" versuchte also, zwischen der alten Herrschaft und der drohenden islamischen Revolution einen dritten, "amerikanischen" Weg zu weisen.

Sozial gesehen, bedeutete dies ein Zusammengehen mit den in den letzten Jahrzehnten entstandenen, westlich orientierten, säkularen bürgerlichen Schichten dieser Länder. Sie sollten ermuntert werden, unter dem Banner der Demokratie die Initiative zu ergreifen und unter wohlwollender amerikanischer Förderung einen Regimewandel zu bewerkstelligen, sei es im erzwungenen Einverständnis mit den alten Gewalten, sei es gegen sie.

Vielleicht hätte diese Strategie eine Chance gehabt, wenn man die Palästina-Frage gelöst hätte. Aber das hätte bedeutet, Israel zur Aufgabe seiner Groß-Israel-Politik und zum Ausgleich mit den Palästinensern zu zwingen. Statt dessen ließ man dem Siedlerstaat freie Hand und stellte dessen Demokratie als Vorbild für die ganze Region heraus. Je mehr Freiheiten die US-Administration aber der israelischen Siedlungspolitik gestattete, desto weniger Rückhalt bekam sie für ihre "Strategie der Freiheit" in den arabischen Ländern.

So machte man die Rechnung ohne den Wirt, sprich die islamistische Bewegung, ein von Land zu Land verschiedenes, schwer zu fassendes soziales und politisches Bündnis unterschiedlicher Schichten bzw. Klassen. Auf dem Boden sozialer Programme für die Massen tritt sie unter dem grünen Banner des Propheten für die Verwendung des Ölreichtums der Region zur eigenen Entwicklung ein, für Unabhängigkeit vom Westen, gegen Israel und die USA. Als religiös geprägte Bewegung trägt sie ein Janusgesicht: einerseits rückwärts gerichtet, ist sie andererseits objektiv der Hauptgegner der us-amerikanischen Vormacht der gegebenen bürgerlich-kapitalistischen Weltordnung.

Je mehr die alten Stammesordnungen untergraben werden und die Masse der "Entrechteten" in den Vorstädten anschwillt, ohne dass ihnen eine Perspektive geboten wird, je mehr die Verwestlichung voranschreitet, ohne dass dieser Westen mit den USA an der Spitze als gerechtes Vorbild agiert, desto größeren Zulauf findet der Islamismus. Wie der Iran, Algerien und zuletzt Palästina zeigten, haben freie Wahlen heute den Sieg islamistischer Parteien zum Ergebnis.

Die Forderung nach mehr Demokratie führte also zum Gegenteil des Gewollten. Sie destabilisierte die vorhandenen Regimes nicht zugunsten proamerikanischer bürgerlicher Umwälzungen, sondern zugunsten der antiamerikanischen islamischen Bewegung. Mehr noch - sie brachte die alten Gewalten gegen die USA auf, ohne dass es gelang, die neuen bürgerlichen Schichten zu gewinnen. "Seit dem Irak-Krieg ist in der islamischen Welt nicht nur die 'Straße', sondern sind zunehmend auch die Eliten antiamerikanisch." (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21. Juli 2006, S. 1). Selbst in Washington musste man einsehen, dass die Demokratiepolitik - um das Wort eines bekannten Revolutionsführers zu zitieren - eher dem Stein gleicht, der auf die eigenen Füße fällt, wenn man ihn aufhebt.

Welches Gesicht der Nahe Osten im Gefolge dieses Kriegs annehmen wird, ist offen. Fest steht hingegen, dass die USA dabei sind, ihre beherrschende Stellung in dieser Schlüsselregion zu verlieren. Deshalb lassen sie kein noch so verzweifeltes Mittel unversucht, um die schon sicher geglaubte Beute zu behalten.

Schluss: ein Koloss auf tönernen Füßen

Der Zweite Weltkrieg brachte den Vereinigten Staaten die Vorherrschaft über die europäischen Mächte und die bürgerliche Hälfte der Welt. Im Zeichen des Ost-West-Gegensatzes konnten sie diese Hegemonie trotz ihrer Niederlage im Vietnam Krieg bewahren, flankiert durch die Beibehaltung des Dollars als internationaler Leitwährung, der seine Stellung wahren konnte, weil die USA noch nicht zu dem Schuldnerstaat geworden waren, der sie heute sind.

Der Untergang der Sowjetunion machte die USA vorübergehend zur einzigen Weltmacht, obwohl die Auflösung der Blöcke die Bedingungen der Vorherrschaft über die anderen Mächte zerstörte. Nunmehr steht der durch den Irak-Krieg unternommene Versuch, die bedrohte Position durch eine Kontrolle der Erdölversorgung noch für "mindestens eine Generation und vorzugsweise länger" zu festigen, vor dem Ende. Anstatt die Vormachtstellung zu stabilisieren, wird sie weiter ausgehöhlt. "Die schlimmste Folge des verfehlten Irak-Krieges ist aber eine ganz andere, eine, die nicht nur den arabischen Raum betrifft: Es besteht die Gefahr, dass die Vereinigten Staaten als globale Ordnungsmacht gelähmt werden, auf einzelnen Gebieten über Jahre hinweg ausfallen. Ihre großen und kleinen Rivalen vertrauen darauf, dass die Amerikaner auf absehbare Zeit weder genug Soldaten noch den politischen Mut für ähnliche Invasionen haben." (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 1. Dezember 2006, S. 1)

Das irakische Debakel führt die USA auf den Weg in eine instabile "multipolare" Welt, ähnlich der Situation vor dem 2. Weltkrieg. Nach wie vor bleiben sie militärisch und ökonomisch die stärkste Macht, nur haben sich die Vorzeichen inzwischen umgekehrt. Damals im Aufstieg, befinden sie sich heute im Niedergang. Der Produktivitätsvorsprung von ehedem ist geschwunden, und vom reichsten Gläubigerland sind sie zum international größten Schuldnerstaat geworden. Die ausufernde Rüstung hat den us-amerikanischen Staatshaushalt tief in die roten Zahlen geführt, und die ungebremst ansteigende Auslandsverschuldung untergräbt die Basis für den Vorrang der US-Währung.

Bislang garantiert das Vertrauen in die hegemoniale Stärke der Vereinigten Staaten und die Stabilität des Dollars den Zufluss Anlage suchenden Kapitals. Aber es ist "nicht völlig auszuschließen, dass ausländische Investoren irgendwann ihre Anlagen, insbesondere Kredite, Aktien und Anleihen, in den USA liquidieren und damit eine tiefe Wirtschaftskrise auslösen." (Dieter, S. 241) In mehr als einer Hinsicht gleicht der gegenwärtige Hegemon der bürgerlichen Weltordnung einem Koloss auf tönernen Füßen, dessen Sturz weltweit noch kaum vorhersehbare Erschütterungen auslösen kann.

Literatur

  • ApuZ = Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenschrift Das Parlament.
  • Dirk Bavendamm: Roosevelts Krieg 1937 - 45 und das Rätsel von Pearl Harbour, Herbig, München-Berlin 1993.
  • Zbigniew Brzezinski: Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft; Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 1999.
  • Werner Biermann/Arno Klönne: Globale Spiele. Imperialismus heute - Das letzte Stadium des Kapitalismus? PapyRossa-Verlag, Köln 2001.
  • Heribert Dieter: Die Zukunft der Globalisierung. Zwischen Krise und Neugestaltung. Reihe "Internationale Politik und Sicherheit", hrsg. von der Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin, Band 58; Nomos, Baden-Baden 2005.
  • Wolfram Fischer: Expansion, Integration, Globalisierung. Studien zur Geschichte der Weltwirtschaft; Vandenhoek & Ruprecht, Göttingen 1998.
  • Christian Hacke: Zur Weltmacht verdammt - Die amerikanische Außenpolitik von J. F. Kennedy bis G. W. Bush; Ullstein, München 2005.
  • Chalmers Johnson: Ein Imperium verfällt. Wann endet das Amerikanische Jahrhundert? Karl-Blessing-Verlag, München 2000.
  • Paul Kennedy: Aufstieg und Fall der großen Mächte. Ökonomischer Wandel und militärischer Konflikt von 1500 bis 2000; S. Fischer Verlag, Frankfurt 1987.
  • Robert Kurz: Weltordnungskrieg. Das Ende der Souveränität und die Wandlungen des Imperialismus im Zeitalter der Globalisierung, Horlemann, Bad Honnef 2003.
  • Länderbericht USA. Geschichte - Politik - Geographie - Wirtschaft - Gesellschaft - Kultur; hrsg. von Willi Paul Adams und Peter Lösche: Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1998.
  • Carl Landauer: Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Vereinigten Staaten von Amerika; Metzler: Stuttgart 1981.
  • Wolfgang J. Mommsen: Imperialismustheorien; Vandenhoek, Göttingen 1987.
  • Wolfgang J. Mommsen (Hrsg.): Der moderne Imperialismus; Kohlhammer, Stuttgart 1971.
  • Herfried Münkler: Der neue Golfkrieg; Rowohlt, Berlin 2003.
  • Herfried Münkler: Imperien. Die Logik der Weltherrschaft - vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten; Rowohlt, Berlin 2005.
  • Hans-Holger Paul: Marx, Engels und die Imperialismustheorie der II. Internationale; VSA, Hamburg 1978.
  • Udo Sautter: Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika, Kröner, Stuttgart 1998.
  • Klaus Schwalbe: Weltmacht und Weltordnung. Amerikanische Außenpolitik von 1898 bis zur Gegenwart; Schöningh, Paderborn - München - Wien - Zürich 2006.)
  • Robert B. Stinnett: Pearl Harbour. Wie die amerikanische Regierung den Angriff provozierte und 2.476 ihrer Bürger sterben ließ; Zweitausendeins, Frankfurt/M. 2003.
  • Hans-Ulrich Wehler (Hrsg.): Imperialismus; Droste, Düsseldorf 1979.
  • Hans-Ulrich Wehler: Der Aufstieg des amerikanischen Imperialismus; Vandenhoek & Ruprecht, Göttingen 1987.