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II. Indien

1. Der Niedergang Indiens

Teile und herrsche

Während China stets seine offizielle Unabhängigkeit von den Briten bewahren konnte, stand am Ende der britischen Kolonisation Indiens seine Eingliederung in das britische Empire. Das britische Königtum erwarb den Titel des Kaisertums in Indien. Auch begann die britische Kolonisation Indiens bedeutend früher als die Einwirkung Großbritanniens auf China. Die britische Ostindienkompanie wurde bereits im Jahre 1600 gegründet, die Kolonisation Indiens begann 1612/13, aber in der Form einer Stützpunktpolitik.

Die politische Geschichte Indiens wurde von ihrer Frühzeit an von fremden Eroberern geprägt. Zu Beginn der britischen Kolonisation beherrschten islamische Eroberer Indien. Das islamische Moghulreich unter seinem bedeutendsten Kaiser Akbar (1556 bis 1605) befand sich in seiner Blütezeit. 1691 erreichte das Moghulreich unter dem letzten bedeutenden Kaiser Aurangzeb (1658 bis 1707) seine größte Ausdehnung.

Der Verfall der Moghulherrschaft begann mit Aurangzebs Verfolgung der Hindus (Sondersteuern, religiöse Verfolgung), die Aufstände provozierte. Kernzentren der hinduistischen Opposition wurden die Marathen, die zu einer eigenständigen indischen Großmacht wurden sowie die Sikhs, deren Bedeutung vor allem militärischer Natur war. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts war die Moghulherrschaft zu einem System von Klein- und Kleinstkönigtümern zerfallen. Indien teilte sich in zahlreiche kleine Staatsgebilde, deren große Pole das Moghulreich, die Marathen und die Sikhs bildeten.

Die europäische Kolonisation durch Portugiesen, Holländern, Franzosen und Briten beschränkte sich zunächst auf die Einrichtung von Handelsstützpunkten. Erst die Zersplitterung Indiens ermöglichte eine Ausweitung der Herrschaft. Den Anreiz dazu bildete die französisch-britische Konkurrenz.

Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts verschärften sich die Auseinandersetzungen zwischen Franzosen und Briten auch in Indien. Den entscheidenden Sieg über Frankreich erzielten die Briten während des Siebenjährigen Krieges. Mit dem Sieg bei Plassey über die bengalische Armee übernahm die britische Ostindienkompanie die faktische Herrschaft über Bengalen. Sie verwandelte sich von einer Handelsgesellschaft in eine britische Verwaltungsbehörde. 1760/61 sicherten die Briten diesen Einflußgewinn durch militärische Erfolge gegen die Franzosen ab. Frankreich wurde aus Indien herausgedrängt.

Parallel zur fortschreitenden politischen Zersplitterung Indiens weiteten die Briten ihren Einfluß aus: "Das römische 'Teile und Herrsche' wurde zu jener großen Regel, die Großbritannien im Laufe von 150 Jahren benutzte, um seine Herrschaft über das ganze Indische Imperium aufrechtzuerhalten. Der Antagonismus der verschiedenen Rassen, Stämme, Kasten, Glaubensbekenntnisse und Staaten (...), blieb die ganze Zeit hindurch das lebendige Prinzip für die britische Herrschaft." [46]

Die Kaste

Im Gegensatz zu China gelang es in Indien also niemals, einen dauerhaften und stabilen Zentralstaat zu etablieren. Die Erklärung für dieses Phänomen findet sich in der spezifischen sozialen Struktur der indischen Gesellschaft, deren Kernelement die Kaste ist: "Die Kaste diente (und dient noch immer) dazu, das Leben der Dorfgemeinschaft zu organisieren, der Grundzelle der indischen Gesellschaft und der Grundeinheit, in die sie zu zerfallen drohte, sobald kein starker Herrscher da war." [47]

Die Kaste war ausschließlich lokal organisiert, es existierte keinerlei überörtliche oder gar staatliche Organisation des Kastenwesens. Sämtliche für die Dorfgemeinschaft wesentlichen Funktionen wurden von der Kaste wahrgenommen. Die Notwendigkeit einer Zentralregierung entfiel damit: "Da die Kaste auf der örtlichen Ebene der Dorfgemeinschaft den Rahmen für jegliche soziale Betätigung bildete, buchstäblich von der Empfängnis bis zum Leben nach dem Tode, machte das Kastenwesen die Zentralregierung weitgehend überflüssig." [48]

Während in China der Zentralstaat die wichtige Aufgabe der Einrichtung und Pflege von Bewässerungssystemen erfüllte, konnte Indien aufgrund des Monsuns unter Umständen auf diese Dienstleistung verzichten: "Eine gute Ernte war, und ist auch heute noch, von den jährlichen Monsunregen abhängig." [49] Mit Hilfe eines Bewässerungssystems, daß es zu unterschiedlichen Zeiten und regional verschieden gab, konnte der Zufallscharakter der Monsunregen ausgeschaltet werden, aber Indien hat sich daran gewöhnt mit dem Zufall zu leben.

Das Beutesystem

Dem Moghulreich, das sich auf dieser sozialen Grundlage erhob, fehlte ein durchorganisiertes bürokratisches System, wie es in China vorhanden war. Allerdings lag auch in Indien die Verwaltung des Landes und vor allem die Eintreibung von Abgaben in den Händen einer "Beamtenschaft". Diese "Beamtenschaft" wurde aber nicht direkt aus der Staatskasse entlohnt, sondern erhielt Verfügungsgewalt über ein Gebiet unterschiedlicher Größe, ein Dorf oder eine ganze Provinz. Während der Moghulherrschaft wurden bis zu sieben Achtel des Landes in dieser Art und Weise verwaltet.

Dieses System beinhaltete einen ähnlichen Nachteil wie das europäische Lehenssystem. Die zugewiesenen Gebiete drohten sich zu verselbständigen. Der Kaiser suchte diesem Problem beizukommen, in dem er die "Beamten" möglichst schnell austauschte. Dies wiederum führte notwendigerweise zu einer schlechten Verwaltung der Gebiete, denn "so waren die Untergebenen der Versuchung ausgesetzt, in der verfügbaren Zeit so viel wie möglich aus den Bauern herauszupressen. Dann ging die Bodenbewirtschaftung zurück, und damit sanken letzten Endes auch die kaiserlichen Revenuen. Dadurch mußten schließlich die Machtmittel der Zentralinstanz erschlaffen, und der Kaiser mußte die Kontrolle verlieren, die er durch häufige Versetzungen zu bewahren suchte." [50]

In die selbe Richtung wirkte die Praxis des Moghulkaisers, das Vermögen von "Beamten" (und reichen Kaufleuten) bei ihrem Tod einzuziehen. Die Nichtexistenz eines Erbrechts nahm jedermann das Interesse an einer auf Dauer angelegten Tätigkeit und verwandelte die Moghulherrschaft in ein Beutesystem: "Dieser räuberische Charakter schwächte im Laufe der Zeit das System der Moghuls in schwerwiegender Weise. Im achtzehnten Jahrhundert zerbröckelte das Moghulregime vor den Augen der schwachen europäischen Streitkräfte." [51]

Ebensowenig wie China brachte Indien eine kapitalistische Entwicklung hervor.

2. Die Zerstörung der indischen Gesellschaft

Revolutionierung der Verhältnisse in Asien

Mit dem selben Interesse, mit dem Marx und Engels in der New York Daily Tribune die Entwicklung Chinas verfolgten, begleiteten sie das Vordringen der Briten in Indien. Alle Artikel zu diesem Thema betonten das Ausmaß der Leiden, die England über Indien gebracht habe: "Es kann jedoch keinem Zweifel unterliegen, daß das von den Briten über Hindustan gebrachte Elend (...) unendlich qualvoller ist, als alles, was Hindustan vorher zu erdulden hatte. (...) England hat das ganze Gefüge der indischen Gesellschaft niedergerissen. ohne daß bisher auch nur die Spur eines Neuaufbaus sichtbar geworden wäre." [52]

Die Zerstörung des Gefüges der indischen Gesellschaft führte Marx auf zwei Faktoren zurück. In beiden Fällen, so läßt sich heute sagen, lag er falsch und überschätzte er das Tempo der britischen Einwirkung auf die inneren Verhältnisse Indiens. Großbritannien habe es erstens unterlassen, für die Aufrechterhaltung des Bewässerungssystems zu sorgen. Von daher datiere "der Verfall einer Landwirtschaft, die nicht fähig ist, nach dem britischen Grundsatz der freien Konkurrenz, des Laissez-faire und Laissez aller betrieben zu werden". [53] Großbritannien habe zweitens die indische Hausindustrie zerschlagen, indem es britische Textilien einführte: "Es war der britische Eindringling, der den indischen Handwebstuhl zerstörte und das Spinnrad zerbrach. England begann damit, daß es den indischen Kattun vom europäischen Markt verdrängte; dann führte es Maschinengarn nach Hindustan ein und überschwemmte schließlich das eigentliche Mutterland des Kattuns mit Kattunwaren." [54] Die Verbindung von Hausindustrie und Ackerbau sei eine zentrale Grundlage des Dorfsystem gewesen, daß sich im Gefolge der Zerstörung der indischen Hausindustrie aufgelöst habe.

Dagegen berichtet der Historiker Moore über "Textilien, die von etwa 1814 bis 1830 einen großen Teil des flachen Landes in Indien überschwemmten und einen Teil des bodenständigen Handwerks vernichteten": "Die Hauptleidtragenden waren die Weber in den Städten (...) Der gewöhnliche Dorfweber, der Massenware für den örtlichen Konsum herstellte, blieb relativ unberührt." [55] Von einer Auflösung des Zusammenhangs von Ackerbau und Heimindustrie kann also zu diesem Zeitpunkt ebensowenig die Rede sein wie in China. Marx überschätzte hier eindeutig das Tempo der britischen Einwirkung auf die inneren Verhältnisse Indiens.

Marx hat die Kolonisation Indiens durch Großbritannien ebenso bedingungslos bejaht, wie die gewaltsame "Öffnung" Chinas. Ebenso wie Großbritannien in China die jahrhundertelange Stagnation der gesellschaftlichen Verhältnisse aufgebrochen hatte, ebenso zerbrach es die Selbstgenügsamkeit des indischen Kastensystems: "Sosehr es nun auch dem menschlichen Empfinden widerstreben mag, Zeuge zu sein, wie Myriaden betriebsamer patriarchalischer und harmloser sozialer Organisationen zerrüttet und in ihre Einheiten aufgelöst werden, hineingeschleudert in ein Meer von Leiden (...), so dürfen wir doch darüber nicht vergessen, daß diese idyllischen Dorfgemeinschaften, so harmlos sie auch aussehen mögen, seit jeher die feste Grundlage des orientalischen Despotismus gebildet haben (...). Gewiß war schnödester Eigennutz die einzige Triebfeder Englands, als es eine soziale Revolution in Indien auslöste (...) Aber nicht das ist hier die Frage. Die Frage ist, ob die Menschheit ihre Bestimmung erfüllen kann, ohne radikale Revolutionierung der sozialen Verhältnisse in Asien. Wenn nicht, so war England, welche Verbrechen es auch begangen haben mag, doch das unbewußte Werkzeug der Geschichte, indem es diese Revolution zuwege brachte." [56]

Bollwerk gegen Rußland

Noch aus einem zweiten Grund begrüßte Marx die britische Herrschaft über Indien. Völlig richtig arbeitete Marx die fatale Wirkung des Dorfsystem heraus: "Die Einwohner ließen sich durch den Zusammenbruch und die Teilung von Königreichen nicht anfechten; solange das Dorf ungeteilt bleibt, ist es ihnen gleichgültig, an welche Macht es abgetreten wird oder welchem Herrscher es zufällt." [57]

Indien war aufgrund seiner sozialen Struktur prädestiniert, von fremden Völkern erobert zu werden: "Eine Gesellschaft, deren Gefüge auf einer Art Gleichgewicht beruhte, die aus allgemeiner gegenseitiger Abstoßung und konstitutioneller Abgeschlossenheit aller ihrer Mitglieder herrührte - war es nicht einem solchen Land und einer solchen Gesellschaft vorherbestimmt, die Beute von Eroberern zu werden?" [58]

Von diesen Voraussetzungen aus erschien Marx eine Eroberung Indiens durch Großbritannien als die günstigste Variante: "Die Frage ist daher nicht, ob die Engländer eine Recht hatten, Indien zu erobern, sondern ob ein von den Türken, den Persern, den Russen erobertes Indien dem von den Briten eroberten vorzuziehen wäre." [59]

Da von den drei angegebenen Möglichkeiten die Eroberung Indiens durch Rußland die ernstzunehmendste war, bewertete Marx das britische Vorgehen in Indien als Bollwerk gegen eine weitere Expansion Rußlands. Hier machte Marx also seine Stellung zur Kolonialpolitik von außenpolitischer Taktik abhängig.

Schaffung der materiellen Grundlagen einer westlichen Gesellschaftsordnung in Asien

Welche Erwartungen hatte Marx hinsichtlich der Ergebnisse der britischen Herrschaft in Indien? Teilte Marx die Sichtweise des heutigen "Marxismus", die zurückgebliebenen Länder würden von den fortgeschritteneren mit allen Mitteln in Unterentwicklung gehalten? In seinen Indienartikeln teilt er diese Auffassung nicht, sondern weist England die Aufgabe der Entwicklung Indiens zu: "England hat in Indien eine doppelte Mission zu erfüllen: eine zerstörende und eine erneuernde - die Zerstörung der alten asiatischen Gesellschaftsordnung und die Schaffung der materiellen Grundlagen einer westlichen Gesellschaftsordnung in Asien." [60]

Hatte Marx noch in seinem Artikel vom Juni davon gesprochen, daß England in Indien zerstörend wirke, "ohne daß bisher auch nur die Spur eines Neuaufbaus sichtbar geworden wäre", so kündigte sich in den darauf folgenden Artikeln bereits eine andere Tendenz an. Nun hieß es: "Spuren einer Erneuerung sind unter den Trümmern noch kaum bemerkbar. Dennoch hat sie bereits begonnen." [61] Als Elemente der Erneuerung benannte Marx die Herstellung der politischen Einheit Indiens, die Aufstellung einer "Eingeborenenarmee", die freie Presse, das Privateigentum an Grund und Boden, die Herausbildung einer europäisch gebildeten indischen Herrschaftselite und die Modernisierung der Transport- und Verkehrsmittel. [62] In der Tat sind dies die modernsten Elemente, die die indische Gesellschaft bis heute aufzuweisen hat. Sie sind ausschließlich britisch-europäischen Ursprungs.

Indien und das britische Industriekapital

Für die Zukunft erwartete Marx noch weitgehendere Fortschritte in Indien. Die Realisierung dieser Fortschritte war für ihn abhängig von den Klassenverhältnissen in Großbritannien. Die herrschenden Klassen Englands identifizierte Marx mit drei verschiedenen Gruppen, mit der grundbesitzenden "Plutokratie", der mit dem Staatsapparat verbundenen "Oligarchie" und dem Industriekapital, der "Millokratie".

Bis Anfang der 50er Jahre seien die Interessen dieser Klassen gegenüber Indien identisch gewesen: "Soweit waren die Interessen der Plutokratie, die Indien zu ihrem Grundeigentum machen, die Interessen der Oligarchie, die es mit ihren Armeen erobern, und die Interessen der Millokratie, die es mit ihren Fabrikaten überschwemmt hatte, Hand in Hand gegangen." [63]

Schließlich habe das Industriekapital jedoch im Gegensatz zu den beiden konkurrierenden Klassen Interesse an der Entwicklung Indiens bekommen. "Je mehr aber die britischen Industriellen vom indischen Markt abhängig wurden, um so mehr fühlten sie die Notwendigkeit, in Indien, nachdem sie dort die einheimische Industrie zerstört hatten, neue Produktivkräfte zu schaffen. Man kann nicht auf die Dauer ein Land mit seinen eigenen Erzeugnissen überschwemmen, wenn man ihm nicht ermöglicht, irgendwelche anderen Produkte dafür in Austausch zu geben." [64]

Damit sei die indische Frage für Großbritannien zu einem Gegenstand des Klassenkampfs geworden: "So wurde Indien zum Schlachtfeld im Kampfe zwischen dem Industriekapital auf der einen und der Plutokratie und Oligarchie auf der anderen Seite. Die britischen Industriellen, ihres überwiegenden Einflusses in England sicher, verlangen jetzt die Vernichtung dieser ihnen feindlich gegenüberstehenden Mächte in Indien (...)." [65]

Als erste Maßnahme der "Millokratie", die zur Entwicklung Indiens führen würde, sah Marx die Einrichtung eines umfangreichen Eisenbahnnetzes in Indien an. Davon ausgehend erwartete Marx nicht weniger als den Beginn der Industrialisierung Indiens: "Man kann nicht in einem riesigen Lande ein Eisenbahnnetz unterhalten, ohne alle die industriellen Verfahren, die nötig sind, um die augenblicklichen wie die laufenden Bedürfnisse des Eisenbahnverkehrs zu befriedigen, woraus sich notwendig die Anwendung von Maschinerie auch in solchen Industriezweigen ergibt, die nicht unmittelbar mit der Eisenbahn zusammenhängen. Daher wird das Eisenbahnwesen in Indien ganz naturgemäß zum Vorläufer einer modernen Industrie werden." [66]

Diese Position unterschätzte sowohl die Beharrungskraft der indischen Dorfgemeinde als auch die militärische Relevanz des Eisenbahnbaus, wie des indischen Kolonialreiches im allgemeinen. Darüber hinaus lag Marx offensichtlich in seiner Einschätzung der Möglichkeiten und/oder Interessen des britischen Industriekapitals, sich gegenüber der alten Kolonialbürokratie zu behaupten, falsch.

Wer profitiert von der Kolonisation?

Welche Motive unterstellten Marx und Engels den Briten bei der Kolonisation Indiens? "Was ist der wahre Wert des indischen Dominions für die britische Nation und für das britische Volk?" [67], fragte Marx in einem seiner Artikel für die NYDT. Seine Antwort nahm die Imperialismustheorie Hobsons [68] vorweg: "Unmittelbar, d. h. in Form der Tributzahlung oder als Überschuß indischer Einkünfte über indische Ausgaben gelangt auch nicht das geringste an das britische Schatzamt. Von dem Augenblick an, da die Ostindische Kompanie den Weg der Eroberung im Großen beschritt (...) geriet sie in finanzielle Schwierigkeiten und war wiederholt gezwungen, sich nicht nur um militärische Hilfe an das Parlament zu wenden, (...) sondern auch um finanzielle Hilfe, um sie vor dem Bankrott zu retten." [69]

Wer profitierte aber dann von der Kolonisation? Marx war, ebenso wie später Hobson, der Auffassung, daß Einzelne davon profitierten. Für ihn war "offensichtlich, daß der Nutzen für Großbritannien aus seinem indischen Reich auf die Profite und Vorteile beschränkt ist, die einzelnen britischen Staatsbürgern zu gute kommen. Man muß zugeben, daß diese Profite und Vorteile sehr beträchtlich sind." [70]

Nach Marxens Auffassung profitierten von der indischen Kolonie einerseits die "Aktionäre der Ostindischen Kompanie in einer Anzahl von etwa 3.000 Personen", andererseits die zahlreichen "Stellenempfänger", d. h. Personen, die in der indischen "Zivilverwaltung, Geistlichkeit, Gesundheitswesen, Militär und Marine" ein Aus- und Einkommen gefunden hatten. Die Zahl der letzteren gab Marx mit 10.000 Personen an.

Marx Resümee dieses Tatbestandes lautete: "Es ist also offensichtlich, daß Einzelpersonen großen Gewinn aus der Verbindung Englands mit Indien ziehen, und ihr Gewinn erhöht natürlich die Summe des Nationalreichtums. Doch alldem muß eine sehr gewichtige Gegenrechnung gegenübergestellt werden. Die Militär- und Marineausgaben, die aus der Tasche des englischen Volkes auf Rechnung Indiens bezahlt werden, haben sich mit der Ausdehnung des indischen Herrschaftsgebietes ständig erhöht." [71]

Marx griff mit diesem Aufsatz die Tradition liberaler Kolonialkritik auf. Kern dieser Kolonialkritik seit Adam Smith ist die Betonung mangelnder ökonomischer Rationalität kolonialer Unternehmungen. Ebenso wie gegenüber der britischen Chinapolitik, stellte Marx sich auf dem Gebiet der britischen Indienpolitik auf den Boden liberal-kapitalistischer Prinzipien. Gegen "Plutokratie" und "Oligarchie" nahm Marx Partei für die "Millokratie", das Industriekapital, das gegenüber dem Handelskapital und dem Staatsapparat den gesellschaftlichen Fortschritt repräsentierte.

3. Der Sepoy-Aufstand

Die Ursachen

Das zersplitterte Indien brauchte einen Anstoß von außen, um eine Erhebung von ähnlich "nationalem" Charakter wie der Tai-Ping-Bewegung zuwege zu bringen. Bezeichnenderweise war es eine überregionale Institution, die erst die Briten in Indien geschaffen hatten, die zum Träger des Aufstands wurde.

Im Sommer 1857 meuterten die Sepoys, die indischen Hilfstruppen Großbritanniens und setzten damit eine jahrelange Aufstandsbewegung in Gang, die die britische Herrschaft in Indien zeitweilig ernsthaft bedrohte. [72]

Der Sepoy-Aufstand war eine indische Reaktion auf Veränderungen in der britischen Politik. Großbritannien war in den davor liegenden Jahrzehnten zu einer verschärften Annexionspolitik übergegangen, in deren Folge zahlreiche indische Fürsten und Großgrundbesitzer geschädigt wurden. Gleichzeitig versuchten die Briten, die indischen Verhältnisse tendenziell nach bürgerlichen Grundsätzen zu gestalten und richteten sich damit gegen die religiösen und sozialen Vorstellungen der gesamten indischen Gesellschaft. Der Bau der Eisenbahn, die Einrichtung von Gefängnissen sowie der Aufbau der Armee, ignorierten die Borniertheit des indischen Kastenwesens. Natürlich waren weder die Eisenbahnabteile noch die Gefängniszellen nach Kasten getrennt. In der Sepoy-Armee kämpften Moslems und Hindus gemeinsam. Die traditionelle indische Witwenverbrennung widersprach britischer Moralvorstellung. Sie wurde daher gesetzlich untersagt und statt dessen ein Gesetz über die Wiederverheiratung verwitweter Frauen erwogen. Diesem Gesetz kam der Aufstand jedoch zuvor.

Der Aufstand war ein Versuch, das alte Indien gegen die fremden Eroberer wiederherzustellen. Charakteristisch für ihn war sein unmittelbarer Anlaß. Nach der Einführung neuer Enfield-Gewehre 1857 tauchte unter den Sepoys das Gerücht auf, die Patronen für dieses Gewehr seien mit Rinder- und Schweinefett eingeschmiert worden. Da die Patronen vor dem Laden der Gewehre anzubeißen waren, hätten die Hindus unter den Sepoys in das Fett ihnen heiliger Kühe gebissen, während die moslemischen Truppenteile sich am Schweinefett verunreinigen müßten. Hindus wie Moslems befürchteten einen erneuten Angriff auf ihre religiösen Sitten und Gebräuche. Daraufhin brach am 10. Mai 1857 der Aufstand aus. 277.746 Sepoys standen 45.522 Briten gegenüber.

Die Basis

Die Fürsten und Großgrundbesitzer, die durch die britische Annexionspolitik geschädigt worden waren, traten als Führer des Aufstands auf: "Wenn man sich die Namensliste der Führer dieser 'Meuterei' einmal anschaut, dann fällt einem auf, daß fast jeder aus den Reihen der Enteigneten stammte." [73] Das indische Volk stand hinter diesen Führern: "Fast jede Klasse war in irgendeiner Weise von den Reformen und politischen Umwälzungen betroffen worden." [74]

Die einzige Bevölkerungsgruppe, die nicht mit dem Aufstand sympathisierte, war die kleine Gruppe der durch die britische Politik herangebildeten Intellektuellen. Diese Gruppe hatte sich bereits vor der Jahrhundertmitte als eine modern-nationalistische Reformkraft herausgebildet und forderte gesetzgeberische Kompetenzen für Inder, die Zulassung zum höheren Verwaltungsdienst, sowie Steuersenkungen: "Radikale Nationalisten einer späteren Zeit haben diesen Aufstand gern als Unabhängigkeitskrieg gepriesen, doch die zeitgenössischen Nationalisten dachten ganz anders, sie fürchteten die Wiederkehr des Chaos, das vor der Konsolidierung der britischen Herrschaft geherrscht hatte und sympathisierten nicht mit den meuternden Soldaten und Grundherren Nordindiens. Hätten diese gesiegt, so hätten sie ein Regime wiederhergestellt, das keine Verwendung für die neue Bildungsschicht hatte." [75]

Das Ende

Angesichts der Zerrissenheit und Rückständigkeit der indischen Verhältnisse erreichte der Aufstand ein beachtliches Maß an einheitlicher Aktion, worauf allein schon das Zusammengehen von Moslems und Hindus hindeutete. Gefährlich für die Briten hätte ein Zusammenschluß der Sepoys mit den Sikhs werden können. Letztere hätten allen Grund gehabt, sich dem Aufstand anzuschließen, da ihr Territorium, der Pandschab, nach den beiden Sikh-Kriegen 1846 und 1848 von den Briten ebenfalls annektiert worden war.

Die Kriege gegen die Sikhs hatten die Briten mit den Sepoy-Truppen geführt. Diese Situation wiederholte sich nunmehr unter anderen Vorzeichen. Der Sepoy-Aufstand wurde vor allem mit loyalen Sikh-Truppen niedergeschlagen. [76]

Bürgerliche Autoren urteilen im Rückblick über den Aufstand: "(...) der Aufstand war von vornherein zum Scheitern verurteilt, da es ihm an jeder Koordination und Führung fehlte." [77] Insgesamt hatten die Sepoy sich damit nicht in der Lage gezeigt, als bestimmende revolutionäre Kraft in Indien aufzutreten.

4. Marx' und Engels' Kommentierung des Aufstands

1857 war die lang andauernde Prosperitätsphase der 50er Jahre in Europa endlich von der von Marx und Engels ersehnten Krise abgelöst worden. Auch das Klima der politischen Reaktion neigte sich seinem Ende zu. Der Krimkrieg hatte begonnen. England und Rußland, die Garanten der europäischen "Sklaverei", hetzten ihre Truppen aufeinander. In China war der 2. Opiumkrieg noch nicht beendet und die Tai-Ping-Bewegung nicht gefallen. Die Nachricht vom Ausbruch des Sepoy-Aufstands versetzte Marx und Engels in Hochstimmung.

Marx' und Engels' Artikel in der New York Daily Tribune spiegelten die Erwartung eines zumindest langfristigen Sieges der aufständischen Truppen wider. Die ersten Kampfhandlungen kommentierte Marx im Juli 1857 als einen "Prolog zu einer höchst furchtbaren Tragödie, die sich noch abspielen wird." [78] Im Oktober prophezeite Marx, "daß der kommende Feldzug (der Briten, P. B.) eine Wiederholung der afghanischen Katastrophe wird." [79] Gleichzeitig vermutete Marx die Entwicklung der militärischen Fähigkeiten der Sepoys und konstatierte "zum ersten Male eine gewisse Vorstellung von Strategie seitens der Aufständischen." [80] Währenddessen erschien ihm die "Lage der Engländer" als "in der Tat verzweifelt". [81]

Noch im Februar 1858, trotz britischer Erfolge, wies Engels darauf hin, "daß die indische Rebellion noch weit davon entfernt ist, unterdrückt worden zu sein." [82] Selbst als im Mai beide zentral von den Briten belagerten Städte, Lakhnau und Delhi, eingenommen wurden, resümierte Engels: "Insgesamt gesehen hat die Einnahme Lakhnaus den Aufstand in Indien genauso wenig niedergeschlagen wie die Einnahme Delhis." [83]

Eine nationale Erhebung

Mit Ausbruch des Aufstands schwenkten Marx und Engels - wie in China - von der Verteidigung des britischen Vorgehens zu einer Verteidigung der Aufständischen um. Ähnlich wie in der chinesischen Tai-Ping-Bewegung, sahen sie auch in den Sepoy eine nationale Bewegung, der ihre, wenn auch verhaltene, Solidarität galt. Ebenso wie die Tai-Ping-Bewegung erschien nun der Sepoy-Aufstand als Hebel zur Schwächung des britischen "Despoten des Weltmarktes".

Im Gegensatz zu britischen Versuchen, den Sepoy-Aufstand als "Truppenmeuterei" zu denunzieren, vertraten Marx und Engels die Auffassung, daß in Indien eine nationale Erhebung stattfand: "Nach und nach werden noch andere Tatsachen an den Tag kommen, die sogar John Bull davon überzeugen werden, daß das, was er für eine Truppenmeuterei hält, in Wahrheit ein nationaler Aufstand ist." [84] Als Beleg für diese Auffassung verwies Marx darauf, "daß solch eine verzweigte Verschwörung, wie sie sich bei der bengalischen Armee zeigte, nicht in einem so ungeheuren Maßstab ohne die stillschweigende Billigung und Unterstützung seitens der Eingeborenen betrieben werden konnte." [85]

Zu diesem Zeitpunkt widmete Marx einen ganzen Artikel der Untersuchung britischer Folterungen in Indien. In diesem Artikel konstatierte Marx, daß "die allgemeine Anwendung der Folter als eine Finanzinstitution Britisch-Indiens", nämlich als eine Maßnahme zur Steuereintreibung, anzusehen sei. [86] Marx schloß diesen Artikel mit der Frage: "Angesichts solcher Tatsachen mögen unbefangene und nachdenkliche Menschen vielleicht zu der Frage veranlaßt werden, ob ein Volk nicht zu dem Versuch berechtigt ist, die fremden Eroberer, die ihre Untertanen derart mißhandelt haben, hinauszujagen." [87]

Ebenso rechtfertigt Marx Grausamkeiten im Vorgehen der Sepoys: "Wie schändlich das Vorgehen der Sepoys auch immer sein mag, es ist nur in konzentrierter Form der Reflex von Englands Vorgehen in Indien nicht nur während der Zeit der Gründung seines östlichen Reiches, sondern sogar während der letzten zehn Jahre einer lang bestehenden Herrschaft. Um diese Herrschaft zu charakterisieren, genügt die Feststellung, daß die Folter einen organischen Bestandteil ihrer Finanzpolitik bildet. In der Geschichte der Menschheit gibt es so etwas wie Vergeltung; und es ist eine Regel historischer Vergeltung, daß ihre Waffen nicht von den Bedrückten, sondern von den Bedrückern selbst geschmiedet werden." [88]

Kein Wort also mehr von der historischen Mission Großbritanniens, die Stagnation der indischen Gesellschaft mit allen, auch den grausamsten Mitteln zu brechen. Plötzlich erschien der Aufstand eines Volkes, das seine barbarischen Sitten und Gebräuche aufrechtzuerhalten wünscht, als ebenso historische Mission.

Britische Barbaren

Die Kritik richtete sich nun gegen die Briten. Ihr Verhalten im Verlauf der Kampfhandlungen bot offensichtliche Ansätze dazu. Nach der Einnahme Lakhnaus löste sich die britische Armee auf. Die besiegten Aufständischen konnten sich ungehindert ins Hinterland zurückziehen, da die britische Soldateska sich in Plünderungen erging: "Zwölf Tage und Nächte gab es in Lakhnau keine britische Armee - nur einen zuchtlosen, betrunkenen, brutalen Haufen, der sich in Räuberbanden aufgelöst hatte, weit zuchtloser, gewalttätiger und gieriger als die Sepoys, die soeben aus dem Ort getrieben worden waren." [89]

Nun wurde auch die dem Sepoy-Aufstand vorausgegangene britische Annexionspolitik kritikwürdig: "Wenn die rücksichtslose Soldateska bei Ihrem zivilisierenden und humanisierenden Vormarsch durch Indien die Eingeborenen nur ihres persönlichen Eigentums berauben konnte, so folgt ihr die britische Regierung unmittelbar auf dem Fuße und beraubt die Eingeborenen auch ihres Grundeigentums. Da schwatzen sie, die erste französische Revolution habe die Ländereien der Adligen und der Kirche konfisziert (...)." [90]

Im Juni 1858 zog Engels ein vernichtendes Resümee des englischen Vorgehens in Indien: "Die Kalmückenhorden Dschingis Khans und Timurs, die wie ein Heuschreckenschwarm über eine Stadt herfielen und alles vertilgten, was ihnen in den Weg kam, müssen ein Segen für das Land gewesen sein, verglichen mit dem Einfall dieser christlichen, zivilisierten, ritterlichen und edlen britischen Soldaten. Jene verschwanden wenigstens bald wieder auf ihrem Nomadenzug; aber diese methodisch vorgehenden Engländer, die das Beutemachen in ein System verwandeln, bringen ihre Taxatoren mit, die den Raub registrieren, ihn versteigern und ein wachsames Auge darauf haben, daß der britische Heldenmut nicht um ein Tüttelchen seines Lohnes betrogen wird." [91]

Der Guerillakrieg als Modell einer nationalen Erhebung

Entschieden sich Marx und Engels nun für eine bedingungslose Unterstützung des antikolonialen Kampfes der Sepoy? Mitnichten, ihr Verhältnis zu den Sepoy blieb genauso gespalten wie zur Tai-Ping-Bewegung. Zum einen rang sich Engels sogar zu anerkennenden Worten für die militärischen Leistungen der Briten durch. "Die Belagerten verdienen volle Anerkennung (...) Sie kämpften und hofften trotz alledem, wie es Männern geziemt, wenn sie ihr Leben so teuer wie möglich verkaufen und Frauen und Kinder gegen asiatische Grausamkeit verteidigen müssen." [92] Während Engels die "Operationen Sir C. Campbells" als "ausgezeichnet" kennzeichnete, traf die Sepoys das Verdikt: "Auf der anderen Seite war das Verhalten der Aufständischen genauso erbärmlich, wenn nicht schlimmer als vorher." [93]

Trotzdem hofften Marx und Engels bis zuletzt auf einen Sieg der Sepoy, einen Sieg, den Engels sich als Sieg einer Guerillaarmee vorstellte. Der Guerillakrieg schien Engels die angemessene Kampfform einer nationalen Erhebung zu sein: "Obwohl die Aufständischen aus Audh im offenen Feld erbärmlich waren, bewiesen sie dennoch unmittelbar nach dem Eintreffen Campbells die Macht einer nationalen Erhebung." Nach einem Verweis auf die Erfahrung der französischen Invasion in Spanien in napoleonischer Zeit führte er aus: "Die Stärke einer nationalen Erhebung liegt nicht in regelrechten Schlachten, sondern im Kleinkrieg, in der Verteidigung von Städten und in der Unterbrechung der feindlichen Verbindungslinien." [94] Engels war überzeugt, daß sich in Indien ein Guerillakrieg entwickeln würde. Er sprach die Überzeugung aus, daß der "Guerillakrieg, der sicherlich der Zersplitterung der größeren Verbände der Aufständischen folgen wird, für die Briten weitaus aufreibender und verlustreicher sein wird als der gegenwärtige Krieg mit seinen Schlachten und Belagerungen." [95]

Im Juli 1858 konstatierte Engels bereits diesen Krieg: "Der Krieg in Indien geht nach und nach in das Stadium eines planlosen Guerillakriegs über (...) Die aufständischen Armeen lösen sich (...) allmählich in kleine Trupps von zwei- bis zu sechs- oder achttausend Mann auf, die bis zu einem gewissen Grade unabhängig voneinander operieren, doch stets bereit sind, sich zu einer kurzen Expedition (...) zu vereinigen. Diese beweglichen Kolonnen brauchen keine große Stadt als zentrale Operationsbasis. Sie können Mittel zur Verproviantierung, zur Wiederausrüstung und zur Rekrutierung in den verschiedenen Gebieten finden, in denen sie operieren (...)" [96] Und "(...) andererseits behaupten die Briten in diesem ganzen riesigen Gebiet nichts als die Städte und vom offenen Lande nichts als den Flecken Erde, wo ihre mobilen Kolonnen gerade stehen." [97]

Das Ende der Sepoys

Im Juli 1858 sah Engels eine Gefahr für die Sache der Aufständischen erst im Winter gegeben, wenn die veränderten Temperaturen die Briten wieder beweglich gemacht hätten: "Sobald das kühle Wetter einsetzt wird der Guerillakrieg allein nicht ausreichen." Für den Fall, daß es nicht gelänge den Aufstand regional auszuweiten und ihn durch "Operationszentren, Vorräte, Artillerie, befestigte Lager oder Städte" zu flankieren, befürchtete er im Verlauf des Winters die Zerstreuung der Sepoys und ihre Umwandlung in marodierende Horden. [98]

Bereits zwei Monate später wurde Engels enttäuscht. Die Sepoys waren offensichtlich nicht in der Lage, von einer planlosen Kriegführung zu einer Organisation des Aufstands überzugehen: "Wenn es im Interesse der Briten lag, während der heißen Jahreszeit auszuruhen, so lag es im Interesse der Aufständischen, sie soviel wie möglich zu beunruhigen. Statt jedoch einen aktiven Guerillakrieg zu organisieren, (...) begnügten sich die Eingeborenen damit, Steuern zu erheben und die Ruhe zu genießen, die ihnen von ihren Gegnern gewährt wurde." [99]

Angesichts britischer Unterhandlungen über die Rückgabe annektierter Ländereien mit Führern der Sepoys - dabei handelte es sich schließlich in der überwiegenden Mehrzahl um Geschädigte der britischen Annexionspolitik - kam Engels zu dem Schluß: So "(...) wird der Aufstand in Audh wahrscheinlich abklingen, ohne eine Periode aktiver Guerillakriegsführung durchzumachen." [100]

Das war weit weniger als Marx und Engels für Indien erwartet hatten. Die indischen Verhältnisse hatten sich auch insofern als rückständig und borniert erwiesen, als es den Aufständischen nicht gelungen war, in einem planmäßig geführten Krieg ihre Einheit zu wahren.

Die Ergebnisse des Aufstands

Im Gefolge des Sepoy-Aufstands wurde Indien - bis dahin in der Verwaltung der britischen Ostindien Kompanie - eine offizielle britische Kolonie. Damit wurde gleichzeitig die Ostindien-Kompanie entmachtet. Der letzte indische Moghul, der Moghul von Delhi, wurde abgesetzt, und die britische Monarchie übernahm seinen Titel eines Kaisers von Indien, den sie bis 1947 behalten sollte.

Marx beurteilte die Veränderung des indischen Status zunächst positiv, als Reaktion auf die Forderung nach einer Reform der britischen Kolonialverwaltung: "Als der Sepoy-Aufstand ausbrach, ging der Schrei nach Reformen in Indien durch alle Klassen der britischen Gesellschaft. (...) alle diese angehäuften Übelstände machten sich Luft in dem Schrei nach einer Reform in Indien, einer Reform der von der Kompanie ausgeübten indischen Verwaltung, einer Reform der Indienpolitik der Regierung." [101]

Dieser Reformwille sei aber von Palmerston - eine der von Marx meistgehaßtesten Personen - für seine Interessen ausgenutzt worden, indem dieser dafür gesorgt habe, daß die Macht auf ihn übertragen wurde: "Mit der indischen Armee im Rücken, dem indischen Schatzamt zu seiner Verfügung und dem Vorrecht in der Tasche, die indischen Ämter zu vergeben, würde Palmerstons Position unüberwindlich geworden sei." Palmerston mußte allerdings aus anderen Gründen zurücktreten.

Im Ergebnis befürchtete Marx eine Stärkung der britischen Exekutive und eine Schwächung des Einflusses des britischen Parlaments: "Aber wenn auch der Mann über Bord geworfen ist, (...) so ist doch die Macht der Exekutive dank der formellen Annexion Indiens auf eine solche Stufe gehoben worden, daß man das demokratische Gewicht in die parlamentarische Waagschale werfen muß, um das Gleichgewicht zu halten." [102]

Auch hier stellte sich Marx nicht auf den Boden einer prinzipiellen Kolonialkritik, sondern forderte im Einklang mit bürgerlich-liberalen Prinzipien parlamentarische Kontrolle der britischen Indienpolitik. Und hinter dieser Frage stand die Frage nach dem Einfluß des industriellen Kapitals auf die indische Politik.

Mit der nötigen Distanz zu den britischen Interessen sprachen sich Marx und Engels also nie prinzipiell gegen die britische Kolonialpolitik in Indien aus. Auch wenn sie insgeheim mit den Sepoy sympathisierten, blieb für sie letztlich immer Großbritannien der Garant des Fortschritts: "Alle Maßnahmen, zu dem die englische Bourgeoisie möglicherweise genötigt sein wird, werden der Masse des Volkes weder die Freiheit bringen noch seine soziale Lage wesentlich verbessern, denn das eine wie das andere hängt nicht nur von der Entwicklung der Produktivkräfte ab, sondern auch davon, daß das Volk sie selbst in Besitz nimmt. Auf alle Fälle aber wird die Bourgeoisie die materiellen Voraussetzungen für beides schaffen. Hat die Bourgeoisie jemals mehr geleistet? Hat sie je einen Fortschritt zuwege gebracht, ohne Individuen wie ganze Völker durch Blut und Schmutz, durch Elend und Erniedrigung zu schleifen?" [103]

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