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  "Erst wenn eine große soziale Revolution die Ergebnisse der bürgerlichen Epoche, den Weltmarkt und die modernen Produktivkräfte, gemeistert und sie der gemeinsamen Kontrolle der am weitesten fortgeschrittenen Völker unterworfen hat, erst dann wird der menschliche Fortschritt nicht mehr jenem scheußlichen heidnischen Götzen gleichen, der den Nektar nur aus den Schädeln Erschlagener trinken wollte."
(Karl Marx) [1]

Paul Kennedy führt in seinem Buch "Aufstieg und Fall der großen Mächte" eine Statistik an, der sich die relativen Anteile verschiedener Staaten an der Welt-"Industrie"produktion entnehmen lassen. 1750 betrug der Anteil der sog. "Dritten Welt" an dieser Produktion 73,0 %, während der Anteil Europas lediglich 23,2 % ausmachte. Bis zum Jahre 1900 hatte sich dieses Verhältnis nahezu vollständig umgekehrt. Europas Anteil betrug nun 62,0 %, der Anteil der sog. "Dritten Welt" 11,0 %.

Als Columbus die karibische Insel Guanahani betrat, war Europa ein in vieler Hinsicht unentwickelter Kontinent. Der sichtbare Aufstieg Europas zur Dominanz in der Welt begann erst am Ende des 18. Jahrhunderts. Dieser Aufstieg war an die Industrialisierung gebunden. Die Industrialisierung war ein Produkt Europas. Allein die europäischen Gesellschaften brachten die Voraussetzungen dafür hervor.

Betrachtet man das, was in o. g. Statistik so summarisch die "Dritte Welt" genannt wird, differenzierter, so wird die überragende Bedeutung zweier Großreiche deutlich - Indiens und Chinas. Sofern dieser Begriff für das 18. Jahrhundert überhaupt angemessen ist, lassen sich diese Staaten als "Supermächte" bezeichnen. Der Anteil Chinas an der Weltproduktion betrug 1750 32,8 %, weit mehr als der Anteil Europas. Auch Indien erzeugte mit Pakistan 1750 mit 24,5 % noch einen größeren Anteil als ganz Europa. Beide "Supermächte" sanken bis 1900 zu ökonomischer Bedeutungslosigkeit herab (China 6,2 %, Indien 1,7 %). [2]

Dieser rasante Niedergang Chinas und Indiens hatte seine Ursachen in der inneren Entwicklung dieser Länder. Er verquickte sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts mit der europäischen, zunächst der britischen Expansion.

I. China

1. Der Niedergang Chinas

Ausgangspunkt des chinesischen Niedergangs war ein sprunghafter Bevölkerungsanstieg seit Beginn des 18. Jahrhundert, der Europa und Asien gleichermaßen erfaßte. Die europäische Bevölkerung stieg von 140 Millionen im Jahre 1750 auf 187 Millionen im Jahre 1800, um schließlich 1850 266 Millionen zu erreichen. Die asiatische Bevölkerung wuchs von 400 (1750) auf 700 Millionen (1850) an.

Im Gegensatz zu Europa gelang es in China nicht, die agrarische Produktivität entsprechend dem Bevölkerungswachstum zu steigern. [3] Die Verarmung der Bevölkerung war die unausweichliche Folge.

Dies fand bereits 1775 in einem Aufstand einer religiösen Geheimsekte unter dem Namen "Weißer Lotus" Ausdruck. Die Losung der Sekte, "Die Beamten zwingen das Volk zu rebellieren", verweist auf die Bedeutung der Beamtenschaft für China.

Die Mandarine

Staat und Gesellschaft in China waren wesentlich durch die Beamtenschaft, die Mandarine, geprägt. Deren Charakter wird durch das Prüfungssystem charakterisiert, daß unter der T'ang Dynastie, deren Herrschaft im Jahre 907 u. Z. endete, eingeführt wurde. Mit Hilfe dieses Systems gelang es dem Kaisertum, sich unabhängig von einer rivalisierenden Aristokratie einen funktionierenden Herrschaftsapparat aufzubauen.

Wer in die Dienste des Kaisers treten wollte, mußte sich einer Prüfung unterziehen, deren Bestandteil u. a. die Kenntnis des konfuzianischen Systems war. Um die Prüfung erfolgreich zu bestehen, war eine umfassende und langjährige Vorbereitung unabdingbar. Diese Vorbereitung erforderte einen erheblichen finanziellen Aufwand, der von der Familie des Prüflings erbracht werden mußte.

Gelang es, die Prüfung zu bestehen und in die Reihen der Beamtenschaft aufzurücken, wurde zum einen das Ansehen der gesamten Familie gehoben. Wesentlicher noch war jedoch die Tatsache, daß der Beamte in kaiserlichen Diensten ein Vermögen erwerben konnte. Dieses Vermögen ersetzte der Familie die Auslagen für die Ausbildung des Prüflings und vermehrte u. U. darüber hinaus das Familienvermögen.

Das Vermögen aber wurde in Land angelegt, das an Bauern - in der Regel gegen eine Naturalrente - verpachtet wurde. Wir haben damit eine eigentümliche Organisation einer Gesellschaft, in der die agrarische Mehrwertproduktion von zentraler Bedeutung ist, die sich deutlich vom europäischen Feudalismus unterschied.

Im Gegensatz dazu war der europäische Feudalismus durch das Lehenssystem gekennzeichnet. Im Rahmen dieses Systems vergibt der Lehnsherr Land oder Privilegien. Dafür schuldet ihm der Lehnsmann Gefolgschaft, im Kern die Pflicht zu militärischen Leistungen, aber auch zu Verwaltungs- oder Rechtsprechungsleistungen.

In diesem System angelegt ist die Verselbständigung des Lehens gegenüber dem Lehnsherrn. Hat der Lehnsmann einmal Land (oder einen Gerichtsbezirk) zu seiner Verfügung erhalten, fällt es dem Lehnsherrn von Generation zu Generation schwerer, seine Oberhoheit über das Lehen zu behaupten.

Solche Entwicklungen prägen das gesamte europäische Mittelalter, das deshalb eine Vielzahl von konkurrierenden Feudalherrschaften hervorgebracht hat. Unter diesen Bedingungen kann sich kein starker Zentralstaat herausbilden.

Die politische Zersplitterung Europas hatte nicht nur die Feudalität zur Grundlage, sondern ebenso geographische Voraussetzungen. Während die Geographie Südchinas eine natürliche Unterlage eines einheitlichen Staatsgebildes darstellte, war es auch die geographische Zersplitterung des europäischen Kontinent, die in diesem Teil der Welt die Herausbildung von zentralistischen Großmächten erschwerte: "Es gab weder riesige Ebenen, denen ein Reitervolk seine geschwinde Herrschaft aufzwingen konnte; noch gab es weite und fruchtbare Flußniederungen wie die des Ganges, Nil, Tigris und Euphrat, Hwang Ho und Yangtse, die den Massen von leicht besiegbaren Bauern Nahrung boten. Europas Landschaft war viel stärker durch Gebirgszüge und große Wälder gegliedert, die vereinzelte Bevölkerungszentren in den Tälern voneinander trennten. Und sein Klima unterschied sich zwischen Nord und Süd, zwischen Westen und Osten beträchtlich." [4]

Die Geographie Südchinas und das chinesische Prüfungssystem gewährleisteten dagegen die Stabilität des Zentralstaats. Die feudale Zersplitterung des europäischen Raumes konnte auf diese Weise vermieden werden. Gleichzeitig widerstand das politische System Chinas gerade aus diesen Gründen jeder umfassenden Veränderung.

Die Beamtenschaft verhinderte aktiv das Aufkommen einer unabhängigen Handelsbourgeoisie, die ihre gesellschaftliche Monopolstellung bedroht hätte, obwohl China im Mittelalter weit entwickelter war als Europa. "Handel und Industrie waren (...) hochentwickelt. Die chinesischen Städte waren viel größer als die im mittelalterlichen Europa und die chinesischen Handelsrouten dementsprechend ausgedehnt. Papiergeld hatte den Handelsfluß und das Wachstum der Märkte gefördert. In den letzten Jahrzehnten des 11. Jahrhunderts gab es in Nordchina bereits eine gewaltige Eisenindustrie. (...) Bemerkenswert ist, daß diese Produktion weit höher war als die des britischen Eisenausstoßes zu Beginn der Industriellen Revolution sieben Jahrhunderte später!

(Es ist daher, P.B.) nicht überraschend, daß sich die Chinesen Forschungsreisen und dem Handel in Übersee zuwandten. (...), manche ihrer Dschunken waren so groß wie später die spanischen Galeonen, und der Handel mit Ostindien und den pazifischen Inseln war potentiell so profitabel wie der entlang der Karawanenrouten. (...) 1420 besaß die Ming-Marine (...) 1300 Kampfschiffe, darunter 400 große schwimmende Festungen und 250 für weite Reisen ausgerüstete Segelschiffe. Diese Zahlen schließen nicht die vielen privaten Schiffe ein, die bereits zu dieser Zeit mit Korea, Japan, Südostasien und sogar Ostafrika Handel trieben (...)." [5]

Doch unter den Bedingungen des chinesischen Prüfungssystems konnte der Überseehandel seit dem 15. Jahrhundert durch ein einfaches kaiserliches Edikt unterbunden werden. China isolierte sich vom Rest der Welt. Der Bau von hochseetüchtigen Schiffen wurde verboten. Weite Teile des Handels wurden zum Staatsmonopol gemacht. Gewinne aus dem Handel unterlagen einer hohen Besteuerung.

Anders als in Europa konnten die Kaufleute in der chinesischen politischen und sozialen Ordnung deshalb keine Sprengkraft entfalten. Sie waren darauf verwiesen, ihre Kinder auf das Prüfungssystem zu orientieren. Sie wurden so Bestandteil der chinesischen Organisation von Staat und Gesellschaft. Der Preis des chinesischen Zentralstaats war die Stagnation von Staat und Gesellschaft über einen Zeitraum von fast einem Jahrtausend hinweg.

Das chinesische System war damit der Herausforderung durch das sprunghafte Bevölkerungswachstum seit der Mitte des 18. Jahrhunderts nicht gewachsen. Während Europa dieser Herausforderung durch die Industrialisierung begegnete und dadurch trotz seines Bevölkerungswachstums schließlich steigende Pro-Kopf-Einkommen erwirtschaftete, blieb in China alles beim alten. Die überschüssige Bevölkerung Chinas verhungerte zu Hunderttausenden, ohne daß daraus der Keim der Veränderung entstanden wäre.

Die innere Logik des Prüfungssystems enthielt darüber hinaus eine unübersehbare Schwachstelle. Wer den Aufstieg in die Beamtenschaft geschafft hatte, betrachtete seine Position als entscheidende Voraussetzung zum Erwerb eines Vermögens. Selbstverständlich war es nicht der Staat, der seine Beamten so fürstlich entlohnen konnte. Dieses Vermögen ließ sich nur über Korruption erwerben. Korruption war daher, wenn auch offiziell illegal, eine gesellschaftlich akzeptierte Tatsache. Barrington Moore verweist auf unterschiedliche Schätzungen, denen zufolge der Nebenverdienst des Beamten das Vier- bis Neunzehnfache seines regulären Gehalts betrug. Diese immanente Schwäche des chinesischen Systems wurde zum Einfallstor der britischen Ostindienkompanie. [6]

Der Opiumhandel

Einem großen britischen Interesse an chinesischem Tee hatte zunächst ein weit geringeres Interesse der Chinesen an britischen Waren entsprochen. Daher blieb die chinesische Handelsbilanz hartnäckig aktiv. Die Briten waren gezwungen, ihren Tee in harter Währung zu bezahlen. Silber floß in großen Mengen von Großbritannien nach China.

Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts begann die Kompanie daher damit, den Handel mit Opium auszubauen. Opium wurde in Indien unter der Oberaufsicht der Ostindienkompanie angebaut und von hier aus nach China exportiert. 1729 exportierte die Kompanie nur ca. 200 Kisten Opium nach China, 1780 bis 1810 bereits 4.000 bis 5.000 Kisten, 1838 über 40.000. 1825 schließlich war diese Strategie erfolgreich. Die chinesische Handelsbilanz schlug um, so daß nun China gewaltige Silbermassen ausführen mußte. Die Zerrüttung der chinesischen Staatsfinanzen schritt fort.

Während der gesamten Zeit war der Opiumhandel offiziell verboten. Daß der Opiumhandel trotzdem zum bedeutendsten Geschäftszweig der britischen Ostindienkompanie werden konnte, lag an den chinesischen Mandarinen, die sich den Opiumhandel kräftig bezahlen ließen. Unter dem Einfluß der britischen Ostindienkompanie nahm ihre Korruption gewaltige Formen an.

Der 1. Opiumkrieg

In Reaktion auf diese Lage entwickelten sich drei Linien am chinesischen Hof. Die Gruppe, die die Legalisierung des Handels empfahl, konnte sich nicht durchsetzen. Die Legalisierung des Handels hätte die Beamtenschaft ihrer wichtigsten Einnahmequelle beraubt.

Die zweite Gruppe trat für ein entschiedenes Vorgehen gegen den Handel ein. Auf deren Einfluß ging der 1. Opiumkrieg zurück. 1839 erzwang der Führer dieser Gruppe die Vernichtung der englischen Opiumvorräte in Kanton und den Abzug aller Engländer. Daraufhin entspannen sich Kampfhandlungen, die bis zur chinesischen Kapitulation 1842 andauerten.

Das chinesische Verhandlungsangebot war jedoch nicht nur auf die überlegene militärische Ausrüstung der Engländer, sondern ebenso auf die Kapitulationsbereitschaft einflußreicher chinesischer Hofkreise zurückzuführen. Hinter diesen Kreisen verbarg sich die dritte Gruppe, die beabsichtigte, die bisherige Opiumpolitik fortzuführen, um der Beamtenschaft weiterhin einträgliche Einnahmen zu sichern.

Mit dieser Kapitulation endete der jahrhundertealte chinesische Isolationismus. China wurde gewaltsam dazu gebracht, sich der Außenwelt gegenüber zu öffnen. Der Vertrag von Nanking von 1842 zwang China, fünf Vertragshäfen für den auswärtigen Handel zu öffnen. Bis zu diesem Zeitpunkt war der Überseehandel auf Kanton beschränkt. Mit der Co-hong, der "offiziellen Gilde", verfügte China über eine begrenzte Anzahl von chinesischen Kaufleuten, denen es erlaubt war, Überseehandel zu treiben. Dieses Monopol wurde jetzt abgeschafft. Auf Grundlage des selben Vertrages mußte China Hongkong an Großbritannien abtreten.

1843 konnten die Briten im Zusatzvertrag von Hu-men ihre Forderungen erweitern und zwangen China zur Anerkennung der Meistbegünstigungsklausel [7]. Ein Jahr später befand sich China in der Lage, mit den USA und Frankreich ähnliche Verträge abschließen zu müssen.

Die Tai-Ping-Bewegung

Die zunehmende innere Zerrüttung Chinas im Verein mit der nunmehr starken Einwirkung von außen brachte die chinesischen Verhältnisse zum Kochen. Zahlreiche oppositionelle Geheimgesellschaften entstanden und fanden einen Kristallisationspunkt in einem charismatischen Führer.

Hung Hsin-ch'üan hatte nach Erfahrungen persönlichen Scheiterns (er fiel wiederholt bei Prüfungen als Bewerber für die Aufnahme in die Beamtenlaufbahn durch) Kontakt mit der evangelischen Mission in China. Hung Hsin-ch'üan entwickelte schließlich eine eigentümliche Ideologie aus antimandschurisch-nationalistischen (die herrschende chinesische Dynastie waren die Mandschu), lutherisch-religiösen und sozialrevolutionären Elementen.

Bedeutsam ist vor allem die Aufnahme chiliastischer Elemente aus der christlichen Tradition. Die Tradition des Chiliasmus, d. h. die Erwartung einer Wiederkehr Christi auf Erden zwecks Errichtung eines tausendjährigen Reiches, prägte die Aufstände der vorindustriellen Massen im europäischen Raum vom Mittelalter bis zur französischen Revolution. Es ist daher richtig, sich die von Hung initiierte Tai-Ping-Bewegung als eine "räumlich sehr viel größer dimensionierte Wiedertäufer-Kommune von Münster" vorzustellen. [8]

Hung gründete 1847 die "Gesellschaft der Gottesverehrer" und gewann in den nächsten zwei bis drei Jahren eine 30.000 Menschen umfassende Gefolgschaft aus Bauern, Bergarbeitern, Piraten und desertierten Soldaten. 1850 ging von dieser "Gesellschaft" der Tai-Ping-Aufstand aus. Bereits 1851 konnte ein eigener Staat, das "Himmlische Reich des allgemeinen Friedens" gegründet werden. In diesem Reich war das Privateigentum am Boden abgeschafft. Land wurde zur Nutzung jeweils neu aufgeteilt. Frauen waren Männern gleichgestellt, konnten Ämter bekleiden und als Soldaten kämpfen. Die Fußverkrüppelung der Frauen wurde verboten, die Wahl des Ehemannes freigegeben. Opium, Tabak und Alkohol waren den Tai-Ping untersagt. 1853 eroberten die Aufständischen Nanking in kurzer Zeit. Ihre Zahl war auf mehr als eine Million angewachsen. Bis 1856 kontrollierten sie den größten Teil Süd- und Südostchinas (den reichen reisanbauenden Teil, im Gegensatz zu dem ärmeren getreideanbauenden Norden).

Ebensowenig wie die in der Tradition des Chiliasmus stehenden europäischen Bewegungen in der Lage waren, ein politisches und soziales Programm zu entwerfen, das den Bedürfnissen ihrer Zeit entsprochen hätte, ebensowenig war die Tai-Ping-Bewegung in der Lage, ein realitätstüchtiges Programm zu entwerfen. Das Programm der Tai-Ping-Bewegung bestand im Kern aus der Forderung nach der Abschaffung des Privateigentums am Boden und wurde in einer Bodenreform umzusetzen versucht. Es beinhaltete die Rückkehr zu einer bäuerlichen Agrargesellschaft. Dieses Programm war nicht in der Lage, die Probleme der chinesischen Gesellschaft zu lösen.

Die unübersehbaren Probleme des chinesischen Reiches hätten allein durch ein Programm gelöst werden können, das über die dörflichen Verhältnisse hinausgewiesen und die Entwicklung der Städte und der Industrie gefördert hätte. In China existierte jedoch keine Sozialstruktur, keine Klasse, die ein solches Programm entwickelt und durchgesetzt hätte. Die Tai-Ping-Bewegung konnte nicht über diesen, durch die sozialen Verhältnisse Chinas gesetzten Rahmen hinausgehen und mußte deshalb scheitern. Ihr Versuch, die stagnierenden gesellschaftlichen und politischen Zustände sozusagen nach rückwärts hin zu einer Agrargesellschaft ohne Mandarine und Großgrundbesitzer zu korrigieren, besaß deshalb keine dauerhafte Perspektive.

Die Bewegung ereilte das selbe Schicksal, wie alle chinesischen Rebellionen der vergangenen Jahrhunderte, die nur eine lokale Herrenschicht durch eine andere ersetzten. Die Führung der Bewegung begann, für die eigenen Interessen zu arbeiten. Cliquenwirtschaft (in der sich die Herrschaft von Sippen und Clans herauskristallisierte) und Intrigen kulminierten in militärischen Machtkämpfen.

Gleichzeitig gelang der Gegenseite die Reorganisation der Kräfte. Die mangelnde Initiative des Hofes wurde durch die Aktivität chinesischer Großgrundbesitzer kompensiert, die eigene Söldnerarmeen aufbauten. Schließlich stellten sich auch die europäischen Mächte auf die Seite der Regierung. Hung Hsin-ch'üan beging Selbstmord, Nanking wurde erobert, die letzten Grüppchen Aufständischer wurden 1866 auseinandergejagt.

Auch Marx hat den rückwärtsgewandten, reaktionären Charakter der Tai-Ping-Bewegung unterstrichen. Seine Artikelserie über China schließt mit einer Abrechnung mit der "ungeheuren Revolution", auf die er ehemals die Hoffnung gesetzt hatte, sie sei Anstoß zur Revolutionierung Europas. Zwei Jahre vor der entscheidenden Niederlage der Tai-Ping in Nanking zeichnete Marx von der Bewegung das Bild einer Armee, die nur für ihre persönliche Bereicherung lebt. Abgesehen von einem "Kern regulärer Truppen", bestehe diese Armee aus Bauern oder Rekruten, die "auf den Streifzügen in den Dienst gepreßt wurden". Demgegenüber schlössen sich "alle Lumpen, Vagabunden und schlechten Charaktere eines Distrikts (...) freiwillig an". [9]

Marx beschreibt die Tai-Ping als "ein noch größerer Greuel für die Volksmasse als für die alten Herrscher. Ihre Bestimmung scheint keine andere, als dem konservativen Marasmus gegenüber die Zerstörung in grotesk abscheulichen Formen, die Zerstörung ohne einen Keim der Neubildung geltend zu machen. (...) Nach zehn Jahren geräuschvoller Scheintätigkeit haben sie alles zerstört und nichts produziert." [10]

Die Tai Ping hatten es nicht vermocht, sich in China als ein Faktor des Fortschritts zu bewähren. Marx sah in ihnen den "Absprung eines fossilen Gesellschaftslebens". [11] Die Tai-Ping-Bewegung hatte sich also als unfähig erwiesen, als revolutionäre Kraft die chinesischen Verhältnisse ernsthaft in Frage zu stellen. In diesem Licht erschien sie als eine Begleiterscheinung des chinesischen Niedergangs.

Der 2. Opiumkrieg

Das wesentliche Ergebnis der Rebellion bestand in einer weiteren Schwächung der chinesischen Zentralregierung, langfristig durch die Etablierung regionaler Machthaber in Reaktion auf den Aufstand, kurzfristig, indem die Wirren der Tai-Ping-Zeit von den auswärtigen Mächten ausgenutzt wurden, die Zentralregierung zu weiteren Zugeständnissen zu zwingen.

Der Opiumschmuggel hatte sich aufgrund der weiteren Schwächung der Zentralmacht weiter ausgedehnt und mündete 1856 in den sogenannten 2. Opiumkrieg. Dieser endete mit einer erneuten Niederlage der schwachen chinesischen Regierung. Im Vertrag von Tientsin (1858) stimmte China der Akkreditierung von ausländischen Botschaftern in Peking zu, mußte dem Handel weitere Häfen öffnen und gewährte westlichen Kaufleuten und Missionaren die Freizügigkeit.

Der sinnlose Widerstand gegen die Ratifizierung des Vertrags führte zum Friedensschluß von Peking (1860) und zu weiteren Zugeständnissen. Auch Tientsin wurde Freihafen, Kowloon mußte an England abgetreten werden. Der Opiumhandel wurde nun unter Zwang legalisiert. Ferner gewährte China Zollerleichterungen und öffnete seine Binnengewässer für ausländische Schiffe. Erst nach diesen chinesischen Zugeständnissen unterstützten die Westmächte die Niederschlagung der Tai-Ping.

Damit war die chinesische Abschließung von der übrigen Welt endgültig durchbrochen. Durch den Opiumhandel und die Macht seiner Kanonenboote hatte Großbritannien China für die Welt geöffnet. Davon profitierten alle kapitalistischen Mächte, denn Großbritannien hatte in China den Freihandel durchgesetzt. Dagegen sicherte sich Rußland, das bei der Erlegung der geschwächten chinesischen Beute nicht abseits stehen wollte, in den Verträgen von Aigun (1858) und Peking (1860) in Englands Schatten Territorialbesitz.

2. Die Einschätzung der chinesischen Entwicklung durch Marx und Engels

Marx und Engels behaupteten im Kommunistischen Manifest über die Bourgeoisie: "Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhaß der Barbaren zur Kapitulation zwingt." [12] Offensichtlich waren aber gerade die chinesischen Mauern nicht durch die schwere Artillerie der wohlfeilen Preise in den Grund geschossen worden, sondern durch die Kanonenboote der Briten.

Daß China nicht durch das bloße Wirken ökonomischer Gesetzmäßigkeiten in den Weltmarkt gezwungen wurde, sah auch Marx und schrieb in der New York Daily Tribune, daß "das Feuer der Kanonen die chinesischen Mauern umgelegt und das Reich des Himmels gewaltsam für den Verkehr mit der profanen Welt geöffnet hatte." [13] Marx hatte diesen Prozeß der Öffnung Chinas für den Verkehr mit der "profanen Welt" verfolgt und in der NYDT kommentiert. [14]

Der Funke im kapitalistischen Pulverfaß

Die Tai-Ping-Bewegung begann 1850. Europa hatte gerade eine Welle von Revolutionen erlebt. Deren Niederschlagung war nicht lange her. Marx und Engels erwarteten eine Fortsetzung des mit dem Jahr 1848 eröffneten Revolutionszyklus durch eine soziale Revolution - eine irrige Erwartung, die Engels im Rückblick durch folgende Worte erklärte: "Und vollends, als die Pariser Erhebung ihr Echo fand in den siegreichen Aufständen von Wien, Mailand, Berlin, als ganz Europa bis an die russische Grenze in die Bewegung hineingerissen war; als dann im Juni in Paris die erste große Schlacht um die Herrschaft zwischen Proletariat und Bourgeoisie geschlagen wurde; als selbst der Sieg ihrer Klasse die Bourgeoisie aller Länder so erschütterte, daß sie wieder in die Arme der eben erst gestürzten monarchisch-feudalen Reaktion zurückfloh - da konnte unter damaligen Umständen für uns kein Zweifel sein, daß der große Entscheidungskampf angebrochen sei, daß er ausgefochten werden müsse in einer einzigen langen und wechselvollen Revolutionsperiode, daß er aber nur enden könne mit dem endgültigen Sieg des Proletariats.

Wir teilten nach den Niederlagen von 1849 keineswegs die Illusionen der um die provisorischen Zukunftsregierungen in partibus gruppierten Vulgärdemokratie. Diese rechnete auf einen baldigen, ein für allemal entscheidenden Sieg des 'Volkes' über die 'Dränger'; wir auf einen langen Kampf, nach Beseitigung der 'Dränger', unter den in eben diesem 'Volk' sich verbergenden Elementen. Die Vulgärdemokratie erwartete den erneuten Losbruch von heute auf morgen; wir erklärten schon Herbst 1850, daß wenigsten der erste Abschnitt der revolutionären Periode abgeschlossen und nichts zu erwarten sei bis zum Ausbruch einer neuen ökonomischen Weltkrise." [15]

Für die Zukunft kam es also auf die alles entscheidende "ökonomische Weltkrise" an. Diese sollte, vermittelt über einen Zusammenbruch Englands, die politischen Verhältnisse Europas erneut zum Tanzen bringen. 1853 knüpfte Marx aus diesem Grunde Hoffnungen an die Tai-Ping-Bewegung. Er war sich seiner Sache so sicher, daß er in der NYDT schrieb: "(...), da der britische Handel den größeren Teil des normalen Wirtschaftszyklus bereits durchlaufen hat, darf man getrost voraussagen, daß die chinesische Revolution den Funken in das übervolle Pulverfaß des gegenwärtigen industriellen Systems schleudern und die seit langem heranreifende allgemeine Krise zum Ausbruch bringen wird, der dann beim Übergreifen auf das Ausland politische Revolutionen auf dem Kontinent unmittelbar folgen werden." [16]

Die Tai-Ping-Bewegung repräsentierte für Marx also "die chinesische Revolution". An anderer Stelle spricht Marx von einer "einzigen ungeheuern Revolution" [17], die sich aus den zerstreuten Aufstandsbewegungen gebündelt habe. Hier wird erstmals in der Geschichte sozialistischer Positionen zur Kolonialfrage eine Revolution in einem unentwickelten Land als Hebel der Revolution in Europa begriffen, allerdings in einer etwas anderen Form als von der III. Internationale seit den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. Lenin und die III. Internationale begriffen die kolonialen Befreiungsbewegungen als politische Bündnispartner im Kampf gegen den Imperialismus. Marx erhoffte sich eine ökonomische Krise aufgrund des Ausfalls des chinesischen Marktes.

Das Prinzip Fortschritt

Die "ungeheure Revolution" der Tai-Ping, so führte Marx aus, verdanke China "ohne Frage" der Tatsache, "daß die englischen Kanonen China das Rauschgift aufzwangen". [18] Drei Faktoren machte Marx für die zunehmende Zerrüttung Chinas verantwortlich. Einerseits verwies er auf die wachsenden ökonomischen Probleme Chinas durch die massive Silberausfuhr. Andererseits - und hierauf lag Marx' Hauptaugenmerk - maß er der Entartung der Beamtenschaft große Bedeutung zu: "(...) diese patriarchalische Autorität, das einzige moralische Bindeglied, das die ganze ungeheure Staatsmaschinerie umfaßte, ist allmählich durch die Korruption der Beamten zerfressen worden." [19]

Schließlich habe drittens der Import ausländischer Waren bereits zur Zerrüttung der chinesischen Heimindustrie bzw. des Handwerks geführt. 1853 ging Marx also davon aus, daß es v. a. den Briten und den USA gelungen sei, das chinesische Handwerk zu zerstören: "Dieses Eindringen ausländischer Manufakturwaren hat sich auf die einheimische Industrie ähnlich ausgewirkt wie ehemals auf Kleinasien, Persien und Indien." [20]

Die gewaltsame Zerstörung der Abschließung Chinas von der übrigen Welt, auch mit Hilfe des Opiums, wurde von Marx nicht kritisiert, sondern bedingungslos positiv bewertet. Erst durch den Opiumhandel war "die barbarische Abschließung von der zivilisierten Welt (...) durchbrochen" worden. Diese Abschließung Chinas gegenüber der Welt hatte zur Konservierung der chinesischen Gesellschaft geführt: "Zur Erhaltung des alten Chinas war völlige Abschließung die Hauptbedingung." [21] Die Abschließung hatte jeden sozialen Fortschritt verhindert und zur Stagnation von Staat und Gesellschaft geführt.

Opiumhandel und die gewaltsame Öffnung Chinas durch den 1. Opiumkrieg mußten als Ende einer Periode jahrhundertelangen Stillstands gewertet werden: "Es hat den Anschein als habe die Geschichte dieses ganze Volk erst trunken machen müssen, ehe sie es aus seinem ererbten Stumpfsinn aufrütteln konnte." [22] Was Marx interessierte war allein die historische Wirkung des britischen Vorgehens. Vor die Alternative Fortschritt oder Moral gestellt, entschied sich Marx für den Fortschritt: "Während der Halbbarbar das Prinzip der Moral vertrat, stellte ihm der Zivilisierte das Prinzip des Mammons entgegen. Daß ein Riesenreich, das nahezu ein Drittel der Menschheit umfaßt, das trotz des Fortschreitens der Zeit dahin vegetiert, durch künstliche Abkapselung vom allgemeinen Verkehr isoliert ist und es deshalb zuwege bringt, sich mit Illusionen über seine himmlische Vollkommenheit zu täuschen - daß solch ein Reich schließlich vom Schicksal ereilt wird in einem tödlichen Zweikampf, in dem der Vertreter einer veralteten Welt aus ethischen Beweggründen zu handeln scheint, während der Vertreter der überlegenen modernen Gesellschaft um das Privileg kämpft, auf den billigsten Märkten zu kaufen und auf den teuersten zu verkaufen - das ist wahrlich ein tragischer Abgesang, wie ihn seltsamer kein Dichter je ersonnen haben könnte." [23]

Ein früher Volkskrieg

Erneuten Anlaß zur Stellungnahme zu den chinesischen Verhältnissen bot 1856 der 2. Opiumkrieg. Dabei hatte sich Marx' und Engels' Bewertung der englischen Politik in China erheblich verändert. Sie verteidigten nun nicht mehr das Vorgehen Englands in China, sondern ergriffen für China Partei.

Dabei legte Engels, der den 2. Opiumkrieg kommentierte, besonderen Wert auf die Charakterisierung der chinesischen Kämpfe gegen die Engländer als eines Volkskrieges, dessen Kampfmethoden er verteidigt. Engels schrieb, "daß es sich hier um einen Krieg pro aris et focis [24] handelt, um einen Volkskrieg zu Erhaltung der chinesischen Nation mit all ihrer anmaßenden Voreingenommenheit, ihrer Dummheit, ihrer gelehrten Ignoranz und, wenn man will, Ihrem pedantischen Barbarentum, aber dennoch um einen Volkskrieg." [25]

Engels verglich den Verlauf der Kämpfe mit dem 1. Opiumkrieg und konstatierte nunmehr eine große Beteiligung des Volkes: "Damals war das Volk ruhig; (...). Aber jetzt beteiligt sich, zumindest in den Südprovinzen, auf die der Kampf bisher beschränkt blieb, die Masse des Volkes aktiv, ja, sogar fanatisch am Kampf gegen die Ausländer." [26] Engels schildert in diesem Zusammenhang die Vergiftung von Brot, das für die britische Kolonie Hongkong bestimmt war, Überfälle kleiner Trupps auf Handelsschiffe, Meutereien auf chinesischen Auswandererschiffen und dergleichen. [27]

Kritik des Opiumhandels

Der Abschluß des Vertrages von Tientsin 1858 veranlaßte Marx zu zwei Artikeln über die Geschichte des britischen Opiumhandels mit China. Inhalt dieser Artikel ist nun eine Kritik des Opiumhandels. Dabei streift Marx auch die "moralische Seite des Handels" und zitiert einen Engländer, der den Opiumhandel mit dem afrikanischen Sklavenhandel vergleicht und dabei zu dem Schluß kommt, der "Sklavenhandel war barmherzig, verglichen mit dem Opiumhandel" [28]. Den selben Opiumhandel hatte Marx wenige Jahre früher als notwendige Bedingung der Aufschließung Chinas gefeiert. Wodurch erklärt sich dieser Wandel in der Bewertung des Opiumhandels?

Der Opiumhandel hatte China zur Aufgabe seiner Isolationspolitik gezwungen. Mit der chinesischen Kapitulation 1842 war die Aufschließung Chinas vollzogen. Der Handel mit Opium verlor damit jede fortschrittliche Funktion. Die Fortsetzung des Opiumhandels nach der Aufgabe des chinesischen Isolationismus konnte einzig und allein die Funktion haben, sich, ohne eine liberale Handelspolitik betreiben zu müssen, einen überseeischen Markt zu sichern. Solche Politik brachte weder für England noch für China weitere Fortschritte.

Indisches Opium oder britische Fabrikate

Deshalb stammt der zweite Ansatzpunkt der marxschen Kritik der britischen Chinapolitik aus dem Arsenal liberaler Kolonialkritik: Der Opiumhandel verunmögliche es den Chinesen, britische Fabrikate abzunehmen. Der Handel wirke also ungünstig auf eine Ausweitung britischen Handels mit Industrieprodukten: "Die Chinesen können nicht gleichzeitig Gebrauchsgüter und Rauschgift abnehmen; unter den gegenwärtigen Umständen läuft die Ausdehnung des chinesischen Handels auf die Ausdehnung des Opiumhandels hinaus; das Anwachsen des letzteren ist unvereinbar mit der Entwicklung eines legitimen Handels (...)." [29]

Marx konnte sich auf verschiedene britische und amerikanische Quellen stützen, die ihre Kritik in der gleichen Richtung formulierten. So zitierte er u. a. einen Briten, der sich bei einem hohen Beamten in Schanghai erkundigte, wie der britische Handel zu steigern sei. "'Schicken sie uns nicht mehr soviel Opium, und wir werden in der Lage sein, Ihnen Ihre Fabrikate abzunehmen'" [30], habe ihm der Chinese geantwortet.

Gegenüber dem britischen Opiumhandel verteidigte Marx nun den Freihandel. Unter den drei Linien, die der chinesische Hof gegenüber den Briten einschlagen konnte - Legalisierung des Handels, striktes Verbot oder Fortsetzung der bisherigen Praxis - bevorzugte Marx die erste Linie. Den chinesischen Vertreter dieser Linie Hu Nailzi, bezeichnet er als einen "der hervorragendsten chinesischen Staatsmänner." [31]

Tatsächlich bestand offiziell auch Großbritannien gegenüber China auf dem Freihandel mit Opium. Die Freigabe des Handels hätte jedoch zur empfindlichen Beeinträchtigung des Handels geführt: "Die Finanzen der britischen Regierung in Indien sind in Wirklichkeit nicht nur von dem Opiumhandel mit China, sondern von dem ungesetzlichen Charakter dieses Handels abhängig gemacht worden." [32] Daher konnte Marx die britische Regierung kritisieren: "Würde die chinesische Regierung den Opiumhandel legalisieren und gleichzeitig den Mohnanbau in China zulassen, so würde die englisch-indische Staatskasse eine ernste Katastrophe erleiden. (...) Während sie (die britische Regierung, P. B.) öffentlich den Freihandel mit Gift predigt, verteidigt sie insgeheim das Monopol seiner Herstellung. Wann immer wir das Wesen des britischen Freihandels näher betrachten, so stellt sich fast stets heraus, daß seiner 'Freiheit' das Monopol zugrunde liegt." [33]

Kanonenboote ohne wohlfeile Preise

1856 hatte Marx die Auffassung vertreten, daß seit 1831, im Gefolge der Auflösung des Handelsmonopols der Ostindienkompanie, der britische Asienhandel einen gewaltigen Aufschwung genommen habe: "Jedes Hindernis, dem der britische Handel auf den anderen Märkten der Welt begegnete, begann jetzt durch seine neue Expansion in Asien kompensiert zu werden." [34] Marx hatte also grundsätzlich dem britischen Asienhandel eine enorme Bedeutung zugemessen.

1858/59 zog Marx Bilanz, inwiefern der britische Handel durch den 2. Opiumkrieg gefördert worden war. Marx verwies darauf, daß die Öffnung Chinas zwar die Vorbedingung des Handels, aber nicht schon selbst eine Steigerung des Handels sei. Es sei an der Zeit, "die trügerische Vorstellung fallen zu lassen, daß der Handel proportional zur Anzahl der geöffneten Häfen zunehme." [35]

Marx' Kritik galt den Kaufleuten, die "in ihrem Eifer, sich ein größeres Gebiet für den Austausch zu sichern, nur zu geneigt (sind), sich ihre Enttäuschung durch den Umstand zu erklären, daß künstliche Vorkehrungen, ersonnen von barbarischen Regierungen, ihnen im Wege stünden, die folglich durch Gewaltanwendung beseitigt werden könnten. Gerade diese falsche Vorstellung hat in unserer Zeit zum Beispiel den britischen Kaufmann dahin gebracht, bedenkenlos jeden Minister zu unterstützen, der verspricht, den Barbaren durch Überfälle nach Piratenart einen Handelsvertrag abzuzwingen." [36] Marx' Aufsatz läßt sich dahingehend zusammenfassen, daß der britische Chinahandel durch den Ausgang der Opiumkriege nicht beeinflußt worden und die Ausfuhr britischer Fabrikate sogar seit 1844 gesunken sei.

Er wandte sich der Untersuchung der nach der Öffnung verbliebenen Hindernisse einer Ausweitung des Handels zu. Zu diesen Hindernissen gehörte einerseits - worauf Marx immer wieder hinwies - der Opiumhandel. Andererseits machten sich Eigenarten der chinesischen Agrarstruktur bemerkbar.

Marx untersuchte diese Sachlage am Beispiel der britischen Textilprodukte, die teurer als die chinesischen Produkte waren: "Woher kommt diese Unvermögen des höchstentwickelten Fabriksystems der Welt, Tuch zu unterbieten, das auf primitivsten Webstühlen mit der Hand gewebt wird?" [37] Die Erklärung dieses Phänomens sieht Marx in der "Vereinigung kleiner Agrikultur mit häuslicher Industrie." [38]

Der chinesische Bauer sei "Ackerbauer und Handwerker in einer Person. Die Herstellung dieses Stoffes kostet ihn buchstäblich nichts weiter als das Rohmaterial. Er produziert es, (...), unter seinem eigenen Dache mit seinen Frauen und seinem Gesinde. Es kostet ihn weder zusätzliche Arbeitskräfte noch zusätzliche Zeit. Er läßt seine Leute spinnen und weben, während die Feldfrüchte reifen und nachdem sie geerntet sind und wenn die Außenarbeiten wegen Regenwetter unterbrochen werden müssen." [39]

Die Durchdringung des chinesischen Marktes scheiterte nach Marxscher Auffassung daran, daß es den Briten nicht gelang, in die agrarische Sozialstruktur einzugreifen. Zwar war es den Engländern in China gelungen, Staatsapparat und Handel zu bezwingen. Das Bleigewicht einer sich selbst reproduzierenden und sich selbst genügenden agrarischen Sozialstruktur, die materielle Basis der chinesischen Verhältnisse, war damit aber noch lange nicht aufgebrochen. [40]

Die "englisch-russische Sklaverei"

Marx' und Engels' Einschätzung der Chinaproblematik gewinnt erst vor dem Hintergrund ihrer Bewertung des Verhältnisses von England und Rußland Kontur. Das industriell entwickelste, konstitutionelle England und das agrarische, absolutistische Rußland markierten die Extrempole politischer und gesellschaftlicher Entwicklung in Europa. Sowohl in der Türkei als auch in Asien standen sie sich als Gegner gegenüber.

Gleichwohl sahen Marx und Engels eine fundamentale Gemeinsamkeit beider Staaten. England und Rußland waren die Hauptgegner einer Revolution in Europa. England und Rußland erschienen damit als Unterdrücker auch der deutschen Demokratie. In der Neuen Rheinischen Zeitung entwickelte Marx, "wie endlich Europa mit der Besiegung der revolutionären Arbeiter in seine alte Doppelsklaverei zurückfiel, in die englisch-russische Sklaverei." [41] Während Großbritannien der "Despot des Weltmarktes" sei, war Rußland der Garant der politischen Reaktion.

In der Inauguraladresse der Internationalen Arbeiter-Assoziation heißt es über Rußland: "Die ungeheueren und ohne Widerstand erlaubten Übergriffe dieser barbarischen Macht, deren Kopf zu St. Petersburg und deren Hand in jedem Kabinett in Europa, haben den Arbeiterklassen die Pflicht gelehrt, in die Geheimnisse der internationalen Politik einzudringen (...)." Zwei Jahr später verschärfte Engels: "(...) die Arbeiterklasse (...) will Krieg mit Rußland (...)." [42]

Marx unterstellte ein faktisches Zusammenwirken Englands und Rußland auf verschiedenen Gebieten. Zentrale Bedeutung hatte für ihn die Person Palmerstons, der die Außenpolitik Englands mit kurzer Unterbrechung von 1830 bis 1865 leitete. Insbesondere Palmerston unterstellte Marx russophile, also rußlandfreundliche, Tendenzen.

Rußland sahen Marx und Engels als den eigentlichen Gewinner der Auseinandersetzung in China: "Während England und Frankreich den kostspieligen Kampf mit China aufnahmen, blieb Rußland neutral und griff erst am Schluß ein. Und das Ergebnis ist, daß England und Frankreich zum alleinigen Nutzen Rußlands Krieg gegen China geführt haben." [43]

Engels vertrat die Auffassung, daß das einzige Ergebnis des 2. Opiumkriegs eine Stärkung Rußlands gewesen sei. Rußland sei es im Windschatten des Vorgehens der Westmächte gelungen, sich territorial gewaltig zu bereichern: "Die so gewonnenen strategischen Positionen sind für Asien ebenso wichtig wie es jene in Polen für Europa sind." [44] Engels sah hier eine bedrohliche Hegemonie Rußlands über Asien herannahen: "Es ist eine Tatsache, daß Rußland bald die erste asiatische Macht sein und auf diesem Kontinent England sehr schnell in den Schatten stellen wird." [45]

Auch dies waren Gründe, nun gegen das Vorgehen Englands in China aufzutreten. Wenn England in China zu einem Wegbereiter russischer Expansionspolitik wurde, mußte sich die Kritik gegen die englische Politik richten.

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