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  "We don't want to fight
but, by Jingo, if we do
We've got the men
We've got the ships
We've got the money too." [1]

Petra Bach

"Buy british" - Der britische Imperialismus und die Massen

Vorwort: Die Geschichte ist eine Geschichte von Klassen

Im November 1988 erschien eine Nullnummer der Kommunistischen Presse, in der wir in einer Ankündigung der Redaktion die theoretischen und politischen Anschauungen umrissen, auf deren Grundlage wir die Zeitschrift zukünftig herausgeben wollten. Hierin hieß es: "Die revolutionäre Linke ist nicht nur an den objektiven gesellschaftlichen Verhältnissen in der BRD gescheitert. Sie ist ebenso durch ihre fehlerhaften theoretisch-politischen Grundlagen gescheitert. Ausgangspunkte ihrer politischen Tätigkeit bildeten Leitsätze revolutionärer Politik, die ihren Ursprung im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert haben. Bereits an der Oberfläche unserer gesellschaftlichen Verhältnisse fallen jedoch die grundlegenden Unterschiede zu jenen Epochen und gesellschaftlichen Verhältnissen ins Auge, in denen Marx und Engels, Lenin und Stalin sowie Mao-Tse Tung wirkten."

Und als eine unübersehbare Veränderung unserer Zeit benannten wir: "Die Epoche der 'territorialen Aufteilung der Erde unter die kapitalistischen Großmächte' (Lenin), das Zeitalter des Imperialismus, gehört ebenso der Vergangenheit an, wie jene sich anschließende Periode der antiimperialistischen und antikolonialen Revolutionen."

Unserer damaligen Aussage lag ein Verständnis des Imperialismus' zugrunde, das sich grundlegend vom dem Verständnis der Mehrheit der damaligen Linken unterschied. Die Mehrheit der Linken verstand unter der Epoche des Imperialismus "das höchste Stadium des Kapitalismus", eine ökonomische Formation, die durch die Monopolisierung des Kapitals gekennzeichnet ist und die deshalb heute in ihrem Wesenskern genauso unverändert existiert, wie um die Jahrhundertwende. Dieses ökonomistisch verkürzte Verständnis übersieht sämtliche politischen Veränderungen der kapitalistischen Gesellschaften seit 1945, so die völlige Umgestaltung des Klassengefüges mit dem Untergang des alten Mittelstands und dem Aufstieg der neuen Mittelschichten, den Einflußverlust des Montankapitals, das Ende des Kolonialismus und den Aufstieg industrialisierter Schwellenländer in der weiterhin sogenannten "Dritten Welt", die Durchsetzung der repräsentativen Demokratie als politischer Herrschaftsform in den industriell entwickelten kapitalistischen Staaten.

Unser Verständnis der Imperialismus beruhte von vorneherein auf einem politischen Verständnis dieser Epoche. Die Analyse konkreter Gesellschaftsformationen kann sich nicht in der Betrachtung der Wirtschaftsstatistik erschöpfen. Die gesellschaftliche Entwicklung läßt sich weder aus dem Bruttosozialprodukt noch aus dem Grad der Monopolisierung oder Nicht-Monopolisierung der Industrie ableiten. Die Ökonomie ist die Basis einer Gesellschaft und von hier aus ist es noch ein sehr weiter Weg zur "konkreten Analyse der konkreten Situation" einer Gesellschaft.

Die ökonomische Struktur ist die Grundlage des Klassengefüges einer Gesellschaft. Dieses ist bis heute weit vielfältiger als der einfache Gegensatz von Kapital und Arbeit. Nicht zwei, sondern mindestens fünf Klassen haben seit dem 19. Jahrhundert in wechselnden Koalitionen und mit sich verändernden Gewichten die historische Entwicklung bestimmt: traditioneller und moderner Adel (Großgrundbesitz), alter Mittelstand (Bauern, Kleinhandel, Handwerk und "freie" Berufe), neue Mittelschichten (technisch-wissenschaftliche Intelligenz, Angestellte im Dienstleistungssektor und staatlich-soziale Bedienstete), Arbeit (Facharbeiter und Ungelernte) und schließlich Kapital (als Geld-, Handels- oder Industriekapital, als mittelständische Industrie, als Groß- oder Monopolkapital).

Die Geschichte ist eine Geschichte von Klassen, nicht von Kapitalwachstumsraten und Monopolisierungsgraden. Die historische und die gesellschaftliche Analyse bedarf daher über die Wirtschaftsstatistik hinaus der Sozialstatistik. Ein Marxismus, der die Sozialstatistik einer Gesellschaft zu interpretieren und in die historisch-politische Entwicklung einzuordnen versteht, wirft auch gegenüber dem Imperialismusproblem völlig andere Fragestellungen auf, als ein Marxismus, der auf der Kaffeesatzleserei in Wirtschaftsstatistiken oder auf einer buchstabengelehrten, eifrigen Exegese des Marxschen Kapitals beruht.

Die Triebkräfte politischer Entwicklung sind in einer vorindustriellen Gesellschaft völlig anderer Natur als in entwickelten industriellen Gesellschaften. In vorindustriellen Gesellschaften wird Politik unter Ausschluß der Massen als Kabinettspolitik gemacht, unterbrochen durch die verschiedenen Variationen ergebnislos verlaufender Bauernaufstände. Die Massen stecken durch die Art ihrer alltäglichen Arbeit den Rahmen der historischen Entwicklung ab, die eine Entwicklung in jenen langen Zeiträumen ist, die der "longue durée" Fernand Braudels entspricht. Aber die Politik findet ohne sie und unabhängig von ihnen statt.

Der Eintritt der Massen in die Politik erfolgt in jedem Land zu einem anderen Zeitpunkt. Die allgemeine Volksbewaffung und/oder das allgemeine Wahlrecht sind die Voraussetzungen dafür. Der Boden dafür ist die industrielle Revolution, die allmählich die "Idiotie des Landlebens" (Marx) sprengt. In Europa findet der Eintritt der Massen in die Politik im Anschluß an die Französische Revolution, die mit der Levée en masse erstmals ein ganzes Volk unter Waffen stellt, im allgemeinen im Verlauf des 19. Jahrhundert statt, das deshalb zu einem "Jahrhundert der Bewegung" wird. Die "longue durée" hört damit nicht auf, aber sie bekommt Gesellschaft durch die unsteten Gesellen der politischen Ereignisse. Haben die Massen einmal den Stimmzettel und das Gewehr in der Hand, kann Politik nicht mehr ohne sie geschehen. Das gilt auch und zwar bis heute für das Kapital.

Die Bourgeoisie ist eine "Armee von Offizieren ohne Soldaten" (Engels). Sie besitzt die wirtschaftliche Macht ihres Kapitals, aber in der Sphäre der Politik ist sie unter der Voraussetzung der allgemeinen Wehrpflicht und des allgemeinen Wahlrechts von dem Verhalten der Massen abhängig. Der Kapitalismus ist bis heute nicht gestürzt, weil die Massen in ihm bislang das geringste Übel gesehen haben. Das hat die Bourgeoisie einiges an materiellen Zugeständnissen, unter anderem an Bauern und Arbeitern in nicht mehr konkurrenzfähigen Industriezweigen gekostet und man wird sehen, ob sie sich dies in Zukunft noch wird leisten können. [2]

Das Beispiel des britischen Imperialismus

Im folgenden soll am Beispiel des britischen Imperialismus dargestellt werden, auf welchem Weg wir uns einer Erklärung des - historischen - Imperialismus zu nähern versuchen. Dabei befriedigt u. E. die Leninsche Imperialismustheorie, so wie sie gemeinhin von der Linken verstanden wurde, immer weniger. Die Linke vertrat und vertritt zum Teil noch heute die Auffassung, daß der Übergang zum Imperialismus eine Konsequenz der Monopolisierung des Kapitals war und daß dieses monopolisierte Kapital aus seinen Kolonien nachweisbare ökonomische Vorteile gezogen hat. Auf einer rein empirischen Ebene läßt sich jedoch leicht der Nachweis führen, daß in vielen Fällen Kolonien ein ökonomisches Verlustgeschäft für die Mutterländer waren oder zumindest nicht geeignet waren, den volkswirtschaftlichen Reichtum der Kolonialstaaten zu steigern. Dies gilt insbesondere für das deutsche Beispiel, aber auch für Frankreich und - wie man sehen wird - in eingeschränktem Maße für England.

Ferner läßt sich nachweisen, daß die Kartellindustrie, dort wo sie tatsächlich bestimmenden Einfluß im Rahmen der Wirtschaftslebens besaß, also in Deutschland und den USA, geringes Interesse an Kolonien zeigte und - im Falle Deutschlands - lediglich über den Umweg des Schlachtflottenbaus für eine überseeische Politik begeistert werden konnten. So war es ein Vertreter der deutschen Montanindustrie, Emil Kirdorf, der betonte, er sei nicht bereit, auch nur eine Tonne Kohle für Afrika zu liefern. Darüber hinaus wurde Kolonialpolitik oft genug schon deshalb an den industriellen Interessenten vorbei durchgeführt, weil keine der europäischen Regierungen bereit war, sich zum Fürsprecher von wirtschaftlichen Einzelinteressen zu machen. Schließlich unterschieden sich die Interessen des Kapitals und der Kolonialbewegung in den einzelnen Ländern oftmals deutlich. So favorisierten deutsche Industrielle die Erschließung Südosteuropas und des Nahen Ostens (Bagdadbahn), während die deutsche Kolonialbewegung von Siedlungsgebieten und schließlich in Ermangelung geeigneten Siedlungslandes in Europa von einem Reich in Mittelafrika träumte. [3] In Kenntnis dieser empirischen Befunde stellt sich die Frage: Was sind - wenn nicht das Monopolkapital - die Triebkräfte des Übergangs zum Imperialismus/Kolonialismus?

Im Falle Großbritanniens läßt sich der Übergang zum Imperialismus auf zwei Haupttriebkräfte zurückführen, von denen die eine außenpolitisch-ökonomischer und die andere innenpolitischer Natur war. Diese Haupttriebkräfte sollen vorab kurz zusammengefaßt werden:

(1) Unter der Bedingung des Aufstiegs konkurrierender Industriemächte sowie deren handelspolitischer Abschottung nach außen, gewann die ökonomische Expansion innerhalb seines Empires bzw. dessen Konsolidierung für Großbritannien eine Bedeutung, die sie vorher nicht besessen hatte. Die Stützung auf das Empire erlaubte es Großbritannien, eine konsequente Modernisierung seiner Wirtschaft zu vermeiden. Dies wiederum war die Grundbedingung für den Klassenfrieden zwischen Arbeit und Kapital, der Großbritannien zum Musterland einer demokratisch-liberalen Entwicklung machte.

(2) Tatsächlich profitierten große Teile der britischen Bevölkerung direkt persönlich von Englands Weltmacht- und Kolonialmonopol. Dies galt auch für Teile des Kleinbürgertums und der Arbeiterschaft, v. a. der Facharbeiterschaft. Unter diesen Bedingungen war der Einbruch der Massen in die Politik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts untrennbar mit einer Verstärkung imperialistischer Politik verbunden.

Von der "Werkstatt der Welt" zum Empire

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Großbritannien sowohl in politischer als auch in ökonomischer Hinsicht unangreifbare Hegemonialmacht der Welt. Die Weltpolitik war im Gefolge der französischen Revolutionskriege von einer "Pax Britannica" geprägt. Pax Britannica, das bedeutete keineswegs eine unangefochtene Rolle Großbritanniens in Europa, aber es beinhaltete die Tatsache, daß allein Großbritannien in der Lage war, auf dem Boden seiner maritimen Überlegenheit als Weltmacht überall auf dem Erdball gemäß seinen Interessen einzugreifen. Indem der Wiener Kongreß die hegemoniale Seemachtstellung Großbritanniens völlig ausklammerte, wurde diese stillschweigend anerkannt. [4] Wirtschaftlich gesehen genoß Großbritannien das Privileg, auf dem Boden seiner frühen Industrialisierung seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, als "Werkstatt der Welt" ganz Europa (und Übersee) mit Fertigwaren zu überschwemmen. Schließlich betätigte sich - was oft vergessen wird - seine Handelsflotte erfolgreich als Spediteur der Welt.

Erst in der zweiten Jahrhunderthälfte zog der europäische Kontinent der britischen Wirtschaftsentwicklung nach. Das betraf hauptseitig Deutschland, aber auch andere Länder des Kontinents. So war Belgien um die Jahrhundertmitte, lange bevor Deutschland eine substantielle Entwicklung vollzog, das industriell fortgeschrittenste Land des europäischen Festlands. Zudem erwuchs Großbritannien dauerhaft in den großen Flächenstaaten, den USA (und in geringerem Maße in Rußland), eine gefährliche Konkurrenz, die die infrastrukturelle Erschließung der riesigen Flächen durch den Bau der großen Eisenbahnlinien zur Voraussetzung hatte.

Während die britische Herrschaft auf dem Boden liberalen Welthandels ruhte, vollzog sich die nachholende Entwicklung des Kontinents und auch der großen Flächenstaaten unter der Voraussetzung der Handelsabschottung (Schutzzoll). Dies traf eine Welthandelsmacht wie Großbritannien in besonderem Maße.

Dazu einige Zahlen: Zwischen 1801 und 1870 verzeichnete der britische Außenhandel ständig steigende Zuwachsraten, auf dem Höhepunkt der Entwicklung, zwischen 1841 und 1870, eine jahresdurchschnittliche Rate von 4,6 %. Nach 1870 wendete sich das Blatt und fielen die Zuwachsraten von Jahrzehnt zu Jahrzehnt kleiner aus. Zwischen 1851 und 1880 wuchs der britische Außenhandel nur noch um 4,1 %, zwischen 1881 und 1911 nur noch um 2,5 %. Eine kapitalistische Handelsmacht, die nicht mehr in der Lage ist, im gewohnten Maße zu expandieren, befindet sich in einer Krise. [5]

Eindeutig versuchte Großbritannien, diese Krise durch eine vermehrte Ausfuhr in seine Kolonien zu überwinden. Darüber gibt eine Tabelle über die regionale Verteilung des britischen Außenhandels Auskunft. Großbritanniens Ausfuhr in die sog. "Fremden Länder" (d. h. Industrieeuropa, USA, sowie alle übrigen politisch unabhängigen Länder, also auch das informel empire) sank zwischen 1854/57 und 1909/13 von 72,5 auf 68,9 %. Die in diesen Zahlen enthaltene britische Ausfuhr nach Industrieeuropa sowie den USA wird gesondert ausgewiesen. Demnach sank die Ausfuhr nach Industrieeuropa im betreffenden Zeitraum von 32,1 auf 27,3 %, die Ausfuhr nach den USA von 15,9 auf 10,7 %. Parallel zu dieser Entwicklung stieg die Ausfuhr in das Empire von 27,5 auf 31,1 %. Wesentlichen Anteil daran hatte die Erhöhung der Ausfuhr in die Dominions von 13,3 auf 16,1 %. Dabei ist zu berücksichtigen, daß diese prozentuale Entwicklung auf dem Boden eines allerdings immensen absoluten Wachstums der Ausfuhr stattfand. [6]

Ebenso unbestreitbar kompensierte Großbritannien seine relative Erfolglosigkeit als Handelsmacht durch eine Ausweitung seiner Kapitalexporte. Nach bürgerlichen Angaben war das Wachstum der britischen Kapitalexporte seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert, seit 1860, mehr als sprunghaft. 1850 exportierte Großbritannien lediglich 210 Mio. £, drei Jahrzehnte später, 1880, hatte der Kapitalexport die Milliardengrenze überschritten und betrug 1.190 Mio. £. 1913 erreichte er schließlich eine Summe von 4 Mrd. Diese Entwicklung verlief nicht kontinuierlich und war von zeitweiligen Rückgängen des Exports begleitet. Seit 1900 jedoch bemerken bürgerliche Wissenschaftler einen "explosionsartigen Anstieg" der Kapitalexporte.

Seit der Mitte der achtziger Jahre lag der Anteil des Empires an den Kapitalaufnahmeländern bei 50 % (1870 = 34,4 %, 1885 = 51,9 %, 1911 = 50 %). Den größten Einzelposten davon nahm Indien auf. Ferner gingen 1911 17 % der britischen Kapitalexporte nach Südamerika, also in das britische informel empire (1870 = 10,8 %, 1885 = 11,5 %) [7]. Demgegenüber nahmen die USA 1911 20 % auf (1870 = 25,5 %, 1885 = 23,1 %). Europa (und Naher Osten), für das für 1911 keine Zahlen existieren, nahm 1870 29,3 % auf, 1885 aber nur noch 13,5 %. [8]

Nun kommt es darauf an, wie man diese Zahlen bewertet. Paul Hampe, dessen Untersuchung diese Angaben entnommen sind, will belegen, daß der ökonomische Nutzen der Kolonien für Großbritannien begrenzt war, jedenfalls keine Kolonialpolitik rechtfertigte. Der Blick auf die Außenhandelsstatistik läßt ihn betonen, daß 1909 68,9 % aller britischen Waren außerhalb des Empires Absatz fanden, eine unbestreitbare Tatsache. Derselbe Hampe faßt jedoch die Rolle des Empires (unter Absehung vom informel empire) für Großbritannien dahingehend zusammen, daß sein Anteil am britischen Warenimport ca. ein Viertel, am Warenexport ca. ein Drittel und am Kapitalexport die Hälfte betrug. Läßt sich unter diesen Voraussetzungen davon sprechen, das Empire sei ökonomisch unerheblich gewesen?

Das Empire, also die alten Kolonialgebiete, stellten innerhalb der Welt des 19. Jahrhunderts eine Besonderheit Großbritanniens dar. Bei den alten Kolonialgebieten Großbritanniens handelte es sich um Siedlungskolonien, überseeische Gebiete, in denen seit mehreren Jahrhunderten europäische Siedler lebten. Deshalb, aufgrund der Entwicklungsarbeit europäischer Siedler, fanden sich in diesen Ländern, im Unterschied zu den "jungfräulichen" Kolonialgebieten anderer Länder Bedingungen, die es Großbritannien erlaubten, lukrativen Handel zu treiben und Kapital zu exportieren. Dazu kam Indien, keine klassische Siedlungskolonie, aber ein volkreiches und - im Vergleich zu Afrika - kulturell entwickeltes Land, das es Großbritannien ermöglichte, Plantagen zu betreiben und Textilprodukte in großer Masse zu exportieren. Ferner unterhielt Großbritannien in Indien mit den Sepoy eine Landarmee, die es in Europa nicht besaß, und die vollständig durch indische Steuern und Abgaben finanziert werden konnte. Dies alles gab Großbritannien von vorneherein eine völlig andere Ausgangsbasis und eine andere Interessenlage im seit 1880 neu aufflammenden Kampf um Kolonien. In einem ökonomischen Klima der handelspolitischen Abschottung waren Großbritannien dadurch Expansionsmöglichkeiten gegeben, auf die kein anderes europäisches Land zurückgreifen konnte. Die britische Kolonialpolitik war daher im wesentlichen Empirepolitik. [9]

Dazu ein Beispiel: Der "Scramble for Africa", die politische Ouvertüre der Imperialismusepoche, wurde eingeleitet durch die formelle britische Kolonisation Ägyptens im Jahre 1882. An diesem Unternehmen interessierte Großbritannien keineswegs Ägypten [10], sondern die Sicherung des von Frankreich als Konkurrenten Großbritanniens initiierten Suez-Kanals und damit der Seeweg nach Indien, dem "Juwel in der Krone des Empires". Der politische Auftakt der sogenannten klassischen Imperialismusepoche läßt sich also auf Großbritanniens Interesse an der Sicherung seines Empires zurückführen, bzw. auf Frankreichs Versuche, dieses Empire durch den Bau und die Monopolisierung des Suez-Kanals zu bedrohen. Er enthält damit Momente des alten britisch-französischen Kolonialgegensatzes wie der orientalischen Frage, da der Zerfall des osmanischen Reiches die Voraussetzung des in Ägypten entstandenen Machtvakuums war.

Mit seiner Empirepolitik hat Großbritannien - anstatt den Weg des Erhalts seiner Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt auf dem Boden industrieller Entwicklung zu wählen - seine Weltmachtrolle an den Besitz Indiens gekettet. Der Verlust Indiens im Jahre 1945 hat damit das Ende der britischen Weltmachtrolle endgültig besiegelt.

Abschließend seien zwei Zeitgenossen zitiert, die den britischen relativen Abstieg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Friedrich Engels verglich 1885 in der Neuen Zeit Englands Position in der Mitte der achtziger Jahre mit seiner Rolle im Jahre 1845: "Die Freihandelstheorie hatte zum Grund die eine Annahme: daß England das einzige große Industriezentrum einer ackerbauenden Welt werden sollte, und die Tatsachen haben diese Annahme vollständig Lügen gestraft. Die Bedingungen der modernen Industrie, Dampfkraft und Maschinerie, sind überall herstellbar, wo es Brennstoff, namentlich Kohlen, gibt, und andere Länder neben England haben Kohlen: Frankreich, Belgien, Deutschland, Amerika, selbst Rußland. Und die Leute da drüben waren nicht der Ansicht, daß es in ihrem Interesse sei, sich in irische Hungerpächter zu verwandeln, einzig zum größeren Ruhme und Reichtum der englischen Kapitalisten. Sie fingen an zu fabrizieren, nicht nur für sich selbst, sondern auch für die übrige Welt, und die Folge ist, daß das Industriemonopol, das England beinahe ein Jahrhundert besessen hat, jetzt unwiederbringlich gebrochen ist." [11]

Joseph Chamberlain schlug im Jahre 1903 die Lösung der britischen Probleme durch den Umbau des Empires zu einer "Reichskonförderation" vor: "Unser zweites Ziel ist oder sollte sein: Die Verwirklichung des größten Ideals, das jemals Staatsmännern (...) vorgeschwebt hat: die Schaffung eines Reiches, wie es die Welt noch nie gesehen hat. Wir müssen bauen an der Einheit der Staaten um die Ozeane; wir müssen die britische Rasse konsolidieren; wir müssen dem ganzen Rattenkönig von Wettbewerbungen begegnen, die gegenwärtig Handelswettbewerbe sind (...). Wir müssen ihnen entgegentreten gekräftigt, gestärkt und abgesteift durch die Strebepfeilerkraft aller jener Vettern von uns, aller kraftvollen und beständig wachsenden Staaten, welche dieselbe Sprache mit uns reden, auf dieselbe Flagge mit uns stolz sind. (...)

Während unter unserer Freihandelspolitik die Zunahme (unseres auswärtigen Handels, P. B.) nur 22 Millionen betrug, war sie in den Vereinigten Staaten von Nordamerika 110, in Deutschland 56 Millionen. Unser auswärtiger Handel hat, praktisch genommen, 30 Jahre lang stagniert, ist zeitweise herabgegangen und ist nun in den allerglücklichsten Zeiten zwar aufwärtsgestiegen, aber auch kaum erheblich höher als vor 30 Jahren.

Die Schutzzolländer, die, wie man Ihnen sagte und wie ich selbst eine Zeitlang glaubte, mit Riesenschritten dem Ruin entgegengingen, haben tatsächlich bedeutend größere Fortschritte gemacht als wir. (...) Als Cobden [12] seine Lehre predigte, glaubte er - und für jene Zeit nicht ohne Grund -, daß die fremden Länder uns mit Nahrungsmitteln und mit Rohstoffen versorgen, wir der Weltmarkt bleiben, und daß wir ihnen unsere Fabrikate verkaufen würden. Aber das haben wir eben nicht getan. Im Gegenteil! (...) Nur durch eine Handelsvereinigung, durch gegenseitige Zollbevorzugung können wir den Grund legen zu einer Reichskonförderation, auf die als glänzende Möglichkeit wir alle hinblicken. Ich haben ihnen gesagt, was Sie durch Zollbevorzugung erlangen können: Erhaltung und Vermehrung ihrer Kunden, Beschäftigung für das ungeheure Heer der gegenwärtigen Arbeitslosen. Sie pflastern damit den Weg für eine festere und dauernde Reichseinheit." [13]

Chamberlain, "der in seiner Person linksliberale Sozialreform und rechtskonservative Außen- und Weltreichspolitik verband" (Niedhardt), war Mitglied der liberalen Partei, hatte aber seit Anfang der achtziger Jahre in Abgrenzung zur liberalen Parteiführung unter Gladstone ein soziales Reformprogramm propagiert (dazu gehörten unter dem Stichwort "drei Morgen und eine Kuh" Landverteilungspläne), dessen außenpolitisch imperialistische Stoßrichtung mehr und mehr deutlich wurde. Imperialismus, das hieß aber für einen Briten Empirepolitik. Chamberlain vollzog damit für die liberale Partei, was zum gleichen Zeitpunkt für die Konservativen durch die sog. Primrose League geleistet wurde: es ging "hier im Kern darum, der Masse der neuen Wählerschichten, die den mittleren und unteren sozialen Schichten angehörten, Antworten auf die Herausforderungen der Hochindustrialisierung und der verschärften internationalen Konkurrenzsituation zu geben" [14]. Damit wären wir bei den innenpolitischen Ursachen des britischen Imperialismus angelangt.

Der Einbruch der Massen in die Politik

Großbritannien besaß seit der Glorreichen Revolution des 17. Jahrhunderts zwar als erstes europäisches Land ein Parlament, aber es gab bis weit ins 19. Jahrhundert hinein kein allgemeines Wahlrecht. Großbritannien wurde durch ein zwar parlamentarisches, aber keineswegs demokratisches System beherrscht. 1832 waren in ganz Großbritannien 550.000 Personen wahlberechtigt, das waren lediglich 5 % der Bevölkerung. Die Möglichkeit, wählen zu können hatte keineswegs den Charakter eines Rechtes, sondern den Charakter eines Privilegs, das an Eigentum und Besitz gebunden war.

Aufgrund einer besonderen Einteilung der Wahlbezirke ergab sich zudem eine deutliche Bevorzugung von - zumeist aristokratischen - Parlamentskandidaten, die sich in nichtindustriellen Regionen zur Wahl stellten und im Besitz von Landgütern waren: "Die Wahlbezirke wichen in ihrer Größe erheblich voneinander ab. Infolge von demographischen Veränderungen kam es sogar vor, daß manche städtischen Wahlkreise menschenleer waren, daß die aristokratischen Magnaten, zu deren Besitzungen die boroughs (Stadtbezirke, P. B.) gehörten, aber nach wie vor Repräsentanten ins Unterhaus entsandten. Solche vor allem im Süden und Südwesten Englands gelegenen rotten boroughs (...) waren in besonderer Weise der Kritik ausgesetzt. Ihre historisch begründete Privilegierung stand in schreiendem Gegensatz zur Benachteiligung von Städten der industrialisierten Gegenden Englands. Das moderne England, von dem technischer Wandel und wirtschaftliches Wachstum ausgingen, stand weitgehend außerhalb der politischen Nation. Manchester und Birmingham entsandten keine eigenen Vertreter ins Unterhaus und konnten nur auf Grafschaftsebene wählen. Von den 558 Mitgliedern des Unterhauses wurden an der Wende zum 19. Jahrhundert 70 in Wahlkreisen ohne jeden Wahlberechtigten 'gewählt', 90 in Wahlkreisen mit unter 50 Wahlberechtigten und 134 in Wahlkreisen, die zwischen 50 und 250 Wahlberechtigten aufwiesen. Über die Hälfte der Unterhausmitglieder stammte also aus Miniwahlkreisen." [15]

Durch die Industrialisierung einerseits und die Vorbildwirkung der Französischen Revolution andererseits gerieten die festgefügten gesellschaftlichen Verhältnisse zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Bewegung. Es entwickelte sich eine gesellschaftliche Opposition, die sowohl die sozialen Unterschichten als auch das industrielle Bürgertum, die sog. Mittelschichten, erfaßte. Dieser Opposition nahm die britische Regierung die Spitze, in dem sie von sich eine Ausweitung des Wahlrechts betrieb, die - ausschließlich - den Mittelschichten größere politische Beteiligungsmöglichkeiten gab. Der Kreis der Wahlberechtigten wurde auf 750.000 Personen und damit 7 % der Bevölkerung erweitert.

Diese quantitativ geringe Ausweitung des Wahlrechts beinhaltete insofern einen qualitativen Sprung als im Zusammenhang mit einer Korrektur der Wahlkreiseinteilungen tatsächlich eine stärkere Repräsentanz des industriellen Bürgertums erreicht wurde. Dies war die Voraussetzung für eine vom politischen Liberalismus geprägte neue Epoche der britischen Geschichte, die 1846 mit der Aufhebung der Kornzölle die Politik des Freihandels eröffnete.

Friedrich Engels bewertete dies als eine grundlegende Revolution der britischen Herrschaftsverhältnisse : "Die Parlamentsreform von 1831 war der Sieg der gesamten Kapitalistenklasse über die grundbesitzende Aristokratie. Die Abschaffung der Kornzölle war der Sieg der industriellen Kapitalisten nicht nur über den großen Grundbesitz, sondern auch über die Fraktionen von Kapitalisten, deren Interessen mehr oder weniger mit denen des Grundbesitzes identisch oder verkettet waren: Bankiers, Börsenleute, Rentiers usw. Freihandel bedeutete die Umgestaltung der gesamten inneren und äußeren Finanz- und Handelspolitik Englands im Einklang mit den Interessen der industriellen Kapitalisten, der Klasse, die jetzt die Nation vertrat." [16] Engels beschränkte sein Urteil also nicht darauf, mit den Reformen von 1831 bzw. 1846 habe das Kapital über die grundbesitzende Aristokratie gesiegt, sondern ging so weit, diese Umwälzung als Sieg des industriellen Kapitals über alle anderen Kapitalfraktionen zu interpretieren. Dies stellt m. E. eine Überschätzung des Entwicklungsstandes und Einflusses des industriellen Kapitals dar.

Im Kontrast zu Engels Interpretation betont Niedhardt: "Politisch kontrollierte sie (die Nobility, d. h. der Hochadel, P. B.) zusammen mit der Gentry (dem niederen Adel, P. B.), die das Rückgrat der lokalen Verwaltung bildete, die Wahlen zum Unterhaus. Dies blieb auch nach der Wahlrechtsreform von 1832 unverändert, die völlig zu Unrecht gelegentlich als 'bürgerliche' Reform bezeichnet wird. Schon Friedrich Engels irrte, wenn er mit 1832 die 'Bourgeoisie zur herrschenden Klasse erhoben' sah. Die Masse der Unterhausmitglieder kam auch nach 1832 aus dem Grundbesitz." [17]

Zusammensetzung des Unterhauses nach Interessengruppen (prozentuale Verteilung) [18]

1832

1867

Grundbesitz

51

36

Industrie, Gewerbe, Verkehr

15

21

Handel und Kredit

13

20

Beamte und Militärs

12

11

Freie Berufe, Erziehung und Wissenschaft

9

12

Die Veränderung der Zusammensetzung des Unterhauses legt im Gegensatz zu Niedhardts Verdikt die Annahme nahe, daß die Wahlrechtsreform von 1832 durchaus eine Verbürgerlichung des Parlaments in Gang setzte. Der Anteil der Grundbesitzer sank zugunsten bürgerlicher Elemente von 51 auf 36 %. Diese Entwicklung kann jedoch keineswegs - wie dies Engels tut - mit einem Sieg der industriellen Teile des Kapitals identifiziert werden. Vielmehr übersteigt der Zuwachs der Repräsentanz von "Handel und Kredit" mit 7 % sogar leicht den von "Industrie, Gewerbe, Verkehr" von 6 %. Beide Kapitalfraktionen sind 1867 mit 20 bzw. 21 % etwa gleich stark im Unterhaus vertreten.

Unter diesen Voraussetzungen bietet sich folgende Interpretation der Epoche zwischen 1832 und 1872 an. 1832 eröffnete den Weg zu einem Klassenkompromiß von Aristokratie, Finanz-, Handels- und Industriekapital unter den Vorzeichen des Freihandels. Dieser Klassenkompromiß ruhte auf dem Boden des Ausschlusses der Masse der Bevölkerung von der Politik. Keineswegs aber handelte es sich, wie Engels meinte, um eine alleinige Herrschaft des Industriekapitals.

Entsprechend der Dominanz liberaler Politik innerhalb dieses Zeitraums vollzog sich ein fühlbarer Einflußverlust der konservativen Partei. Es war daher diese Partei, die die nächste Ausweitung des Wahlrechts betrieb. Benjamin Disraeli, der Protagonist der 2. englischen Wahlrechtsreform von 1867, zielte auf Handwerker und Facharbeiter, die er in Gegensatz zum Liberalismus bringen und damit der konservativen Partei eine neue Basis schaffen wollte. Die spätere Tradition der "Lib-Lab-Koalitionen" (Liberals and Labour) beweist, daß Disraeli an seinen ursprünglichen Zielen scheiterte. Trotzdem gebührt ihm das Verdienst, eine bedeutende Dynamik in der britischen Gesellschaftsentwicklung initiiert zu haben.

Die Reform von 1867 band das Wahlrecht in den Boroughs an den Besitz oder die Miete eines Hauses, in den Counties, also den Landkreisen, an den Besitz oder - bei Übersteigen gewisser Erträge - an die Pacht von Land. "Nach Verabschiedung entsprechender Gesetze auch für Schottland und Irland hatten im Vereinigten Königreich nur etwas über 8 % der Bevölkerung das Wahlrecht. Die Zahl der Wahlberechtigten betrug 2,5 Millionen. Von den volljährigen Männern durften in den Grafschaftswahlkreisen von England und Wales 23,8 %, von Schottland 16,7 % und von Irland 14,8 % wählen; in den Boroughs waren es 44,7 %, 49,7 % und 21,9 %." [19] Die Reform von 1867 führte offenbar zu einer größeren Zahl an städtischen als an ländlichen Neuwählern und trug insofern den Stempel Disraelis ursprünglicher Absichten.

Doch es folgten weitere Reformen. 1884/1885 erhielten auch Landarbeiter und Arbeiter in ländlichen Regionen unter der Voraussetzung des Hausbesitzes Zugang zum Wahlrecht. Hier liegt die Vermutung nahe, daß die Liberalen sich mit dieser Reform bei den Konservativen revanchierten. Nunmehr waren etwa 5 Millionen Menschen wahlberechtigt, immerhin 60 % der erwachsenen Männer oder 28,5 % der Bevölkerung.

Niedhardt kommt zu folgender, m. E. treffender Bewertung der Veränderungen im Gefolge der Wahlrechtsreformen seit den sechziger Jahren: "(...) erstmals in der Geschichte des britischen Parlamentarismus (trat) das Prinzip der Zahl in Konkurrenz (...) zum Prinzip des gesellschaftlichen Gewichts. (...) Das Gefühl der Zeitgenossen und namentlich derer, die bisher allein am politischen System partizipiert hatten, ein neues Zeitalter stehe bevor, nämlich das Zeitalter des politischen Massenmarktes, kam in der Einschätzung Derbys zum Ausdruck, man wage einen 'Sprung ins Dunkle'. Die Verbreitung der Legitimationsbasis ging für die politischen und gesellschaftlichen Eliten mit der Ungewißheit einher, wie sich die neuen Wählerschichten verhalten würden. Würde die nun zahlenmäßig überlegene Gruppe der Neuwähler die politische Entmachtung der in der sozialen Hierarchie Höherstehenden anstreben?" [20]

Die Konservativen versuchten ihrerseits, dieser Ungewißheit zu begegnen, indem sie in der Folgezeit Imperialismus und Empirepolitik auf ihre Fahnen schrieben. Diese politische Kehrtwende kommt klassisch in Disraelis berühmter Kristallpalastrede von 1872 zum Ausdruck, in der sich der Mann, der 1852 den Ausspruch geprägt hatte: "Die Kolonien sind Mühlsteine um unseren Hals", mit folgenden Worten an seine Parteigenossen wandte: "Meine Herren, wenn die Tory-Partei nicht eine nationale Partei ist, ist sie gar nichts. Sie ist keine Konföderation von Adligen (...)." [21]

Disraeli fuhr fort: "Wenn ich 'konservativ' sage, so gebrauche ich das Wort in seinem reinsten und erhabensten Sinn. Ich will damit sagen, daß das englische Volk, und besonders die arbeitenden Schichten Englands stolz darauf sind, einem großen Land anzugehören, und seine Größe bewahren wollen - daß sie stolz sind, zu einem Imperium zu gehören, und entschlossen sind, ihr Imperium, wenn sie können, aufrechtzuerhalten (...).

Meine Herren, es gibt noch ein anderes, zweites großes Ziel der Tory-Partei. Wenn es das erste Ziel ist, die Institutionen des Landes aufrechtzuerhalten, so ist es meiner Meinung nach das zweite, das englische Empire zu stützen. Wenn Sie auf die Geschichte dieses Landes seit dem Aufstieg des Liberalismus - vor vierzig Jahren - blicken, so werden Sie finden, daß keine Bemühung so anhaltend und so subtil gewesen, von so viel Energie unterstützt und mit so viel Fähigkeit und Scharfsinn vorangetrieben worden ist, wie die Versuche des Liberalismus, die Desintegration des Englischen Empires zu erreichen (...)."

Anschließend schilderte Disraeli im Detail die Bemühungen des Liberalismus, Großbritannien um sein Empire zu bringen und entwickelte seine Auffassung, "als Teil einer großen Politik imperialer Konsolidierung" "feste und dauernde Beziehungen" zwischen Kolonien und Mutterland zu schaffen. Dies sollte vermittels der Bindung der "Selbstverwaltung" der Kolonien an einen "Reichszolls", also der Einrichtung einer imperialen Schutzzollzone, an Garantien für die "Nutznießung unverteilter Ländereien", gegenseitigen militärischen Beistandsverpflichtungen sowie der Einrichtung eines "Repräsentationsorgans in der Hauptstadt" geschehen. Unschwer ist hier, 1872, der gedankliche Ursprung des Kernelements der bereits zitierten Empirekonzeption des Liberalen Joseph Chamberlain zu erkennen.

Es waren also auf beiden großen politischen Flügeln Großbritannien, auf konservativer und auf liberaler Seite, die Vertreter einer Politik der Öffnung gegenüber den Massen, die sich zum Fürsprecher der Empirepolitik, zum Fürsprecher des Imperialismus machten. Warum aber ließen sich die englischen Massen für den Imperialismus begeistern?

Die Klassenstruktur Großbritanniens

Unser Bild der englischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts ist geprägt durch die Vorstellung der industriellen Revolution, die zum Ende des 18. Jahrhunderts in Großbritannien ihren Ursprung hatte. Dieses Bild einer vom industriellen Kapital einerseits und der industriellen Arbeiterschaft andererseits geprägten englischen Gesellschaft läßt sich jedoch leicht erschüttern.

Friedrich Engels charakterisierte die englische Arbeiterklasse von 1839 wie folgt: "Die eigentliche Arbeit aber wird von Weibern und Kindern getan. (...) von allen Fabrikarbeitern (ist) etwas über die Hälfte (52 Prozent) weiblichen und etwa 48 Prozent männlichen Geschlechts, und (...) von diesen Arbeitern (ist) mehr als die Hälfte über 18 Jahre alt (...). Soweit ganz gut. Die Herren Fabrikanten hüteten sich aber wohl, uns zu sagen, wie viele der Erwachsenen männlichen und wie viele weiblichen Geschlechts waren. Das ist eben der Punkt. (...) Von den 419.590 Fabrikarbeitern des britischen Reiches (1839) waren (...) 96.599 männliche erwachsene Arbeiter oder 23 Prozent, also kein volles Viertel der ganzen Zahl." [22]

1839 gab es in ganz England lediglich 420.000 Fabrikarbeiter, davon waren nicht einmal 100.000 Erwachsene männlichen Geschlechts. Diese Zahl ist an einer Gesamtzahl von 8,4 Mio. Arbeitskräften (1841) [23] zu messen, die als Landarbeiter, Handwerker, Bauarbeiter, Seeleute, Hausangestellte etc. außerhalb der Industrie beschäftigt waren. Zum selben Zeitpunkt entwickelte sich die Chartistenbewegung - eine Bewegung erwachsener männlicher Arbeiter -, die wiederum unser Bild von der englischen Arbeiterbewegung geprägt hat. Um welche Art von Arbeitern, wenn es denn keine Fabrikarbeiter gewesen sein können, handelte es sich?

Es handelte sich um jene "Arbeiteraristokratie", die von der Linken der siebziger Jahre so oft bemüht wurde, jedoch einen anderen Charakter hatte, als es sich diese Linke in den siebziger Jahren vorstellte. Die britische "Arbeiteraristokratie" reduzierte sich nämlich keineswegs auf industrielle Facharbeiter. [24] Sehen wir zu, wie Niedhardt diese Arbeiteraristokratie beschreibt: "Die gehobene Arbeiterschicht, zu der in der Mitte des 19. Jahrhunderts etwa 1,1 Mio. Arbeiter zählten (gegenüber 3,8 Mio. angelernten und 2,8 Mio. ungelernten Arbeitern), umfaßte sowohl Handwerker aus traditionellen Berufen wie Tischler oder Drucker als auch Facharbeiter in industriellen Betrieben. Zwischen ihnen und den unteren Mittelschichten gab es fließende Übergänge. (...) In Städten wie Birmingham oder Sheffield, wo es noch viele kleinere metallverarbeitende Handwerksbetriebe gab, lebten die zur unteren Mittelklasse zählenden Meister in engem Kontakt zu ihren gelernten Arbeitern. Hier gab es nicht so schroffe soziale Gegensätze wie in den Fabrikindustrien der Textilzentren (...). Nach neueren Untersuchungen (...) wäre es aber wohl auch verfehlt, in Orten mit einem alles beherrschenden Industriezweig, wie es die Baumwollindustrie war, von einer homogenen Arbeiterschaft mit kämpferischer Solidarität zu sprechen. (...) Sie (die Angehörigen der Arbeiteraristokratie, P. B.) waren die Träger der sich formierenden Arbeiterbewegung. Es empfiehlt sich also nicht, von einer einheitlichen Arbeiterklasse zu sprechen, denn die organisierte Arbeiterschaft war eine Minderheit, die sich sehr wohl gegen die unteren Schichten abgrenzte." [25]

Ebenso wie Niedhardt betont Engels die Besonderheit der britischen Arbeiteraristokratie. Er schreibt zum Charakter der "großen Trade Unions. Sie sind die Organisationen der Arbeitszweige, in denen die Arbeit erwachsener Männer allein anwendbar ist oder doch vorherrscht. Hier ist die Konkurrenz weder der Weiber- noch der Kinderarbeit, noch der Maschinerie bisher (d. h. also bis 1885, P. B.) imstande gewesen, ihre organisierte Stärke zu brechen. Die Maschinenschlosser, Zimmerleute und Schreiner, Bauarbeiter, sind jeder für sich eine Macht, so sehr, daß sie selbst, wie die Bauarbeiter tun, der Einführung der Maschinerie erfolgreich widerstehen können. Ihre Lage hat sich unzweifelhaft seit 1848 merkwürdig verbessert; der beste Beweis dafür ist, daß seit mehr als fünfzehn Jahren nicht nur ihre Beschäftiger mit ihnen, sondern auch sie mit ihren Beschäftigern äußerst zufrieden sind. Sie bilden eine Aristokratie in der Arbeiterklasse (...)." [26] Nach Engels ist die britische Arbeiteraristokratie im wesentlichen in Industrie- und Gewerbezweigen anzutreffen, die es den Beschäftigten erleichtern, "der Einführung der Maschinerie erfolgreich (zu ) widerstehen", die also der Kapitalisierung den größten Widerstand entgegensetzen.

Über Niedhardt hinausgehend stellt Engels einen Zusammenhang her zwischen der privilegierten Lage dieser Arbeiteraristokratie - und darüber hinaus der gesamten britischen Arbeiterklasse - und Englands besonderer Rolle auf dem Weltmarkt: "Die Wahrheit ist diese: Solange Englands Industriemonopol dauerte, hat die englische Arbeiterklasse bis zu einem gewissen Grad teilgenommen an den Vorteilen dieses Monopols. Diese Vorteile wurden sehr ungleich unter sie verteilt; die privilegierte Minderheit sackte den größten Teil ein, aber selbst die große Masse hatte wenigstens dann und wann vorübergehend ihren Teil." [27]

In welcher Form aber hatten die britischen Massen Anteil an Englands "Industrie- und Weltmarktsmonopol"? Zahlte die britische Bourgeoisie direkte "Bestechungsgelder" an die Arbeiterklasse oder einzelne ihrer Repräsentanten?

Am Beispiel Großbritanniens läßt sich durchaus eine Form des Monopols für den Imperialismus verantwortlich machen, wenn auch eine etwas andere Art des Monopols als es das klassische marxistische Imperialismusverständnis nahelegt. Die britische Arbeiterklasse profitierte in der Tat vom Weltmarktmonopol Großbritanniens bzw. nach dem Verlust dieser Monopolstellung von der Monopolisierung des Empires für Großbritannien und zwar indem dieses Monopol die britische Industrie von dem Zwang beständiger Rationalisierung und Effektivierung der Produktion entlastet hat. Dies wiederum war die Bedingung dafür, daß Teile der Arbeiterklasse sich erfolgreich gegen den Einsatz neuer Maschinerie zur Wehr setzen konnten und damit lange Zeit in einem geschützten Bereich ständischer Abschließung gegenüber einer weiteren Kapitalisierung der Produktion verbleiben konnten. Dies gab der britischen Arbeiterklasse - teilweise bis zur Ära Thatcher - ihren spezifischen Charakter.

Mit dem britischen Weltmarktmonopol verbindet sich ein zweiter Aspekt: Die gesamte britische Beschäftigungsstruktur entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Richtung einer Ausweitung der unproduktiven Sektoren.

Jürgen Kuczynski kommentiert das von ihm zusammengetragene Material über die britische Beschäftigungsentwicklung wie folgt: "Diese Zahlen sind in mancher Beziehung einzigartig in der Wirtschaftsgeschichte kapitalistischer Länder während der zweiten Periode des Industriekapitalismus. Wenn wir von den ungenaueren Zahlen für 1841 absehen, finden wir zum Beispiel, daß der Prozeß der Industrialisierung Englands bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts insofern abgeschlossen war, als der Prozentsatz der Fabrikbeschäftigten nicht mehr zunahm, sondern in England (...) leicht (...) abnahm. (...)." [28] Dabei ist darüber hinaus zu berücksichtigen, daß - worauf Kuczynski nicht eingeht - unter der Kategorie der Fabrikbeschäftigten augenscheinlich auch im Handwerk tätige Arbeiter aufgeführt werden.

Berufstätige nach Wirtschaftsgruppen und Ländern 1841 - 1881 (in %)
(ohne Schottland und Irland) [29]
Wirtschaftsgruppe

1841

1851

1861

1871

1881

Landwirtschaft

20

21

18

14

12

Bergbau

3

4

5

5

5

Baugewerbe

5

6

6

6

7

Fabrikindustrie

27

33

33

32

31

Verkehr

2

4

5

5

6

Handel, Banken, usw.

11

11

11

14

15

Öffentliche Dienste und freie Berufe

4

5

5

6

6

Hausangestellte

16

13

15

16

16

Unabhängige

7

3

2

2

2

Unbestimmt

5

1

1

1

2

Insgesamt

100

100

100

100

100

Zum Beleg seiner Annahme einer Ausweitung des unproduktiven Sektors zuungunsten des produktiven Sektors fügt Kuczynski folgende Daten an:

Produktive und unproduktive Berufstätige 1851 - 1881 (in %)
(ohne Schottland und Irland) [30]

Berufstätige

1851

1861

1871

1881

Produktive

67

66

62

60

davon Verkehr

4

5

5

6

Unproduktive

29

31

35

36

davon Verwaltung und freie Berufe

5

5

6

6

Hausangestellte

13

15

16

16

Paul Kennedy faßt die Vorteile des Empire für Großbritannien und seine Konsequenzen für die britische Gesellschaft wie folgt zusammen: "Jedenfalls hatte England zwei äußerst geeignete Aktivposten zur Hand, um alle Schläge abzufangen und weiterhin ein bequemes Leben zu führen: das 'formale' und das 'informale' Empire und die riesigen unsichtbaren Einkünfte. [31] (...) England entging der großen Depression 'nicht durch die Modernisierung seiner Wirtschaft, sondern dadurch, daß es die verbleibenden Möglichkeiten seiner traditionellen Position nutzte.' Durch den enormen Anstieg der unsichtbaren Einkünfte gab es auch keine der heute so vertrauten Zahlungsbilanzprobleme für die Wirtschaft. In der Handelsbilanz weitete sich die Lücke seit der Mitte des Jahrhunderts beunruhigend aus - ein Zeichen sowohl für das Fehlen jeder Konkurrenzfähigkeit der Industrieprodukte als auch für die steigende Abhängigkeit vom Import durch Nahrungsmitteln - aber dies wurde immer hübsch durch die Einnahmen aus Dienstleistungen und Investitionen verdeckt."

Die Empireposition ermöglichte es Großbritannien, eine weitere Modernisierung seiner Industrie zu vermeiden: "Die britische Eisenproduktion nahm laufend zu, aber wiederum nur wegen der Vergrößerung der Belegschaft und der Kapazität. Die Geschichte der noch wichtigeren Stahlindustrie drückt beispielhaft aus, was in der britischen Industrie zu dieser Zeit falsch war. Wenn auch 'jede größere Innovation in der Stahlherstellung aus England kam oder in England entwickelt wurde', sträubten sich einfach seine Kapitalisten in neue Anlagen zu investieren. (...) Textilien, Englands größter Exportartikel im 19. Jahrhundert, begannen im Umsatz schon zurückzugehen, wenn auch der Rückgang zunächst noch durch die tropischen Märkte aufgefangen wurde. Wiederum war der Hauptgrund hierfür, daß man versäumte, zu modernisieren und von den alten Spinnverfahren loszukommen. (...) Zusammenfassend könnte man sagen, daß England nicht nur die Gelegenheit zum Aufbau neuer wichtiger Industriezweige versäumte, sondern auch unterließ, seine überkommenen Industrieanlagen zu modernisieren. Statt dessen verließ es sich auf eine bequeme, aber unbedeutende Steigerung seiner üblichen Exporte (Tuch, Kohle, Eisen) auf wenig umkämpften Märkten und auf eine gewaltige Vermehrung der unsichtbaren Einkünfte, um diese Unterlassungen zu verdecken." [32]

Dieser Politik lag die Koalition einer ständischen Arbeiterschaft und eines parasitären Kapitals zugrunde. Während die ständische Arbeiterschaft sich erfolgreich gegen die weitere Maschinisierung der Arbeit zur Wehr setzen konnte, gelang es dem parasitären Kapital auf diese Weise, unliebsame Klassenauseinandersetzungen zu vermeiden. Auf dem Boden dieses ökonomischen Zweckbündnisses entwickelten sich die Lib-Lab-Koalitionen, das politische Zusammengehen von Kapital und Arbeit, und wurde der britische Weg in das 20. Jahrhundert ein Weg der politischen Reformen.

Dies war eine der Varianten, in der sich die Bourgeoisie, diese "Armee von Offizieren", ein Heer von Soldaten geschaffen hat.

Anmerkungen