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Schluß: Geschichte und Klassenpolitik

Nachdem das Proletariat beim Kampf um die sozialistische Revolution im Westen die erste Niederlagenserie eingesteckt hatte, nahm Lenin im April 1920 in der Schrift Der 'linke Radikalismus'. Die Kinderkrankheit im Kommunismus für den 2.Weltkongreß der neuen Internationale eine erste Auswertung der vergangenen Klassenkämpfe vor. Wie in der Imperialismusbroschüre befaßte er sich vor allem mit Deutschland. Dabei nahm er eine treffende Abrechnung mit den "linken" Fehlern, Illusionen und Phrasen der kommunistischen Bewegung vor. Ausgehend von der Feststellung, wie schwer es für Westeuropa sei, "die sozialistische Revolution zu beginnen", (Der Linke Radikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus, S. 55; LW 31, S. 49) forderte er, eine äußerst elastische Taktik an den Tag zu legen und keinen Umweg oder Kompromiß zu scheuen, um an sie heranzukommen. Der sozialistische Sieg war jedoch keine Frage einer wie immer gearteten Taktik, denn dort, wo die Erschütterung der Gesellschaft dem revolutionären Proletariat überhaupt die Chance bot, an die Macht zu gelangen, war dies nur als Hegemon einer bürgerlichen Revolution möglich. Der tiefste Grund der praktischen Niederlagen lag in der Aufgabenstellung der sozialistischen Revolution selber. Die fehlerhafte Etappenbestimmung rief die kritisierten "linken" Fehler mit Notwendigkeit hervor. Die sozialistische Revolutionsstrategie war eine Niederlagenstrategie.

In Deutschland setzte nach der Kriegsniederlage eine heftige Auseinandersetzung über die Ursachen ein. Die Herrschaftskontinuität des junkerlich-bourgeoisen Klassenbündnisses spiegelte sich geschichtswissenschaftlich in der Auffassung vom "Primat der Außenpolitik", die jeden Zusammenhang zwischen inneren Verhältnissen und äußerer Politik leugnete. Nach dieser völlig dominierenden Sichtweise war die "Einkreisung" Deutschlands durch die Gegnerschaft der anderen Mächte aufgezwungen und hätte allenfalls durch einen genialen Politiker wie Bismarck verhindert werden können. Diese Auffassung ergänzte sich vortrefflich durch die "Dolchstoßlegende".

Auf bürgerlicher Seite gehörte der 1933 gestorbene Historiker Eckart Kehr zu den Wenigen, die nicht der staatsoffiziellen Lesart der Ereignisse folgten. In dem 1930 veröffentlichten Werk Schlachtflottenbau und Parteipolitik 1894 bis 1901. Versuch eines Querschnitts durch die innenpolitischen, sozialen und ideologischen Voraussetzungen des deutschen Imperialismus, seiner überarbeiteten Doktorarbeit, untersuchte er die außenpolitischen Entscheidungen der Vorkriegszeit im Zusammenhang mit den innenpolitischen Entwicklungen. Er begriff sie als Resultat der nicht ausgefochtenen inneren Gegensätze zwischen Junkertum und Bourgeoisie, die angesichts der anwachsenden Arbeiterbewegung nach außen gewendet wurden und in Form der wilhelminischen "Weltpolitik" den deutschen Imperialismus hervorbrachten: "Die deutsche Außenpolitik der Vorkriegszeit hatte keine Wahl zwischen englischer und russischer Orientierung. Solange in Deutschland die Konservativen politischen Einfluß hatten und solange die ganze Wirtschaftspolitik primär auf die staatliche Subventionierung der agrarkapitalistischen Getreideproduktion durch Zölle eingestellt war, hätte eine außenpolitische Entscheidung für England oder für Rußland sozial in der Luft geschwebt. Mit dem sozialen Aufbau des Bismarckschen Reichs harmonierte, seitdem es in Deutschland eine Krisis des politisch mächtigen, verschuldeten Grundbesitzes östlich der Elbe gab, nur die Entscheidung der Außenpolitik gegen England und gegen Rußland. (...) Denn Zollpolitik und Flottengesetze sind im Reichstag nicht aus dem Motiv der Sorge um die Wohlfahrt des Nationalstaates durchgekommen, sondern als Kampfmittel des Klassengegensatzes, der in die Außenpolitik übersprang und der mit außenpolitischen Mitteln ausgefochten werden sollte, weil er mit innenpolitischen nicht zu bewältigen war." (Kehr, S. 156, 160)

Kehr blieb seinerzeit isoliert. Erst lange nach dem 2.Weltkrieg, als die Bindung der Bourgeoisie an die junkerlich-reaktionären Kräfte der Vergangenheit aufhörte, weil mit Preußen die Junker untergegangen waren, wurde sein Werk wiederentdeckt.

In der Sowjetunion wurde Kehrs Buch über "Schlachtflottenbau und Parteipolitik" 1932 in der Zeitschrift "Istorik Marksist" vorgestellt. Der Rezensent V. M. Chvostow nannte es "eine der bedeutendsten Leistungen" der neueren historischen Forschung, warf ihm jedoch im gleichen Atemzug eine "antimarxistische" Tendenz und sogar eine "Apologie des Imperialismus" vor, weil der Autor den Imperialismus nicht als "einheitlichen Prozeß" aufgefaßt habe, der den Kapitalismus gemäß der Leninschen Theorie zwangsläufig in sein letztes, imperialistisches Stadium führen müsse. (nach: Wehler, Einleitung zu Kehr, S. 10)

In der KPD wurden keine Lehren aus der Niederlage in der Novemberrevolution gezogen, so dass man 1933 in eine noch viel schwerere Niederlage marschierte. (vgl. H. Karuscheit: Zur Geschichte der KPD in der Weimarer Republik; in: AzD 21 vom April 1983, sowie Die Ungleichzeitigkeit der Republik. Weimarer Republik und Programm der KPD; in: AzD 32, Juni 1985) Aus Anlaß des 40.Jahrestags der Novemberrevolution verabschiedete das ZK der SED 1958 dann Thesen, in denen es u.a. hieß, dass "die Novemberrevolution von 1918 ihrem Charakter nach eine bürgerlich-demokratische Revolution (blieb), die in gewissen Umfange mit proletarischen Mitteln und Methoden durchgeführt wurde." (Die Novemberrevolution 1918 in Deutschland. Thesen des ZK der SED zum 40.Jahrestag der Novemberrevolution; in: Einheit 1958 (Heft 10), S. 1397) Aber kaum ausgesprochen, wurde diese Erkenntnis sogleich wieder verschüttet, indem es in den gleichen Thesen hieß, dass im November 1918 eine sozialistische Revolution anstand. Eine vertiefende Forschung und Diskussion fand schon deswegen nicht statt, weil dem die Staatsräson der DDR entgegenstand, die nur als sozialistischer Staat gegen die Bundesrepublik existieren konnte.

Mittlerweile ist die DDR ebenso wie die Sowjetunion untergegangen. Es gibt für die Marxisten keinen Grund und keine Entschuldigung mehr, die historischen Niederlagen der Arbeiterbewegung zu bemänteln. Zu den Schlußfolgerungen aus ihrer Aufarbeitung gehört auch die Abschiednahme von der Leninschen Imperialismustheorie. Sie ist kein "Schlüssel zum Verständnis der Welt von heute", sondern versperrt im Gegenteil den Zugang dorthin. Vor allem gehört dazu die Abschiednahme von einem Marxismusverständnis, das die gesellschaftliche Entwicklung nicht als variables Produkt der Auseinandersetzung sozialer Kräfte begreift, sondern als vorgegebene Folge der Entwicklung des Kapitals, als Ergebnis nicht von Klassenkämpfen, sondern von ökonomischen Gesetzen.

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